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Auktorialer und personaler Erzähler - Unterschied

Buchanalysen auf Erzählhaltungen erfordern differenzierte Betrachtung.
Buchanalysen auf Erzählhaltungen erfordern differenzierte Betrachtung.
Für die Stimmung eines geschriebenen Textes ist die Erzählhaltung besonders ausschlaggebend. Die Analyse derselben kann bedeutenden Aufschluss über Textziele und Textqualitäten geben. Grundlegend sollten Sie die Erzählhaltung als Analysierender dabei in auktoriale und personale Erzähler unterscheiden können. Was aber sind die Unterschiede?

Der Erzähler nach Stanzels Typenkreis

  • Wenn Sie sich mit Erzählhaltungen beschäftigen, so sollten Sie Stanzels Typologisches Modell der Erzählsituation kennen. Aufgebaut ist Stanzels Modell in einer Kreisform, wobei die drei grundlegenden Erzählhaltungen und deren Merkmale in bildliche Relation zueinander gesetzt werden.
  • Als die drei Haupterzählhaltungen unterscheidet Stanzel personalen, auktorialen und Ich-Erzähler, wobei die Haltungen im Kreismodell aneinander angrenzen und sich teilweise sogar überschneiden. Dies wiederum deutet darauf hin, dass ein Prosatext im Grunde niemals als Reinform einer Erzählhaltung verstanden werden kann. Je nachdem, welche Elemente aber überwiegen, kann eine tendenzielle Einordnung getroffen werden.
  • Alle drei Typen werden bei Stanzel im Hinblick auf je drei Merkmale beschrieben. Das wohl wichtigste Merkmal zur Bestimmung von Erzählhaltungen ist dabei der Modus. Ist der Erzähler eine Figur oder handelt es sich viel mehr um einen Reflektor, der die Handlung um eine der Figuren wiedergibt?
  • Ferner spielt das Merkmal der Person eine bedeutende Rolle für Ihre Analyse. Handelt es sich bei einem Erzähler um eine Figur innerhalb der Seinswelt der Figuren, ist eine intratextuelle Figur gar mit dem Erzähler identisch oder ist die Welt des Erzählers von der der Figuren getrennt? 
  • Zuletzt müssen Sie bei Ihrer Analyse auf die Perspektive achten. So kann ein Text entweder der Außenperspektive entsprechen oder der Innenperspektive. Im ersten Fall wird nur die äußere Handlung wiedergegeben, im zweiten kennt der Erzähler auch die inneren Prozesse einer oder mehrerer Figuren. Beachten Sie, dass dabei schließlich auch eine Mischvariante aus erster und zweiter Perspektive möglich ist.

Unterschiede zwischen personaler, auktorialer und Ich-Erzählhaltung

  • Besonders einfach sollte es Ihnen fallen, einen Ich-Erzähler in einem Prosatext zu bestimmen. Der Ich-Erzähler ist immer fühlbar und scheinbar erzählerlose Reflexionen oder Berichte sind in der Ich-Erzählhaltung nicht möglich.
  • Demgegenüber wirkt ein personaler Erzähler oft wie ein kaum vorhandener Erzähler. Die erzählte Wirklichkeit wird dabei nicht mehr von einem konturierten Erzähler dargestellt, sondern spiegelt sich im Figurenbewusstsein. Jene scheinbare Erzählerlosigkeit ist dabei der wohl entscheidendste Unterschied von Ich-Erzählform und personalem Erzähler. 
  • Um nun einen auktorialen Erzähler von einem personalem Erzähler zu unterscheiden, müssen Sie vor allem auf den Erzählerstandort achten. Ein personaler Erzähler berichtet anders als ein auktorialer aus dem Blickwinkel einer handelnden Figur, wenn diese auch nicht durchgehend dieselbe bleiben muss. 
  • Der auktoriale Erzähler wiederum sieht und weiß alles, was um die Figuren herum geschieht. Er kennt das präsente Wetter genauso wie das zukünftige, sogar dann, wenn die Figuren der Erzählung in einem Bunker unter der Erde eingeschlossen sind und das vorherrschende Wetter außerhalb ihres Erfahrungsraumes liegt.
  • Ferner erkennen Sie die auktoriale Erzählhaltung vor allem an kommentierenden Passagen. Ein personaler Erzähler mischt sich demgegenüber nicht explizit wertend in die Handlung ein. Zwar kann er die Sicht einer Figur auf die Handlung schildern, jedoch hat er keine eigene Meinung zu den Geschehnissen und kommentiert niemals von außen. Es wird immer nur durch die Wahrnehmung des figürlichen Platzhalters berichtet, sodass der personale Erzähler niemals wirklich fühlbar ist.
  • Es bietet sich Ihnen bei einer Erzähleranalyse weiter an, den gegebenen Text auf Showing Passagen zu durchsuchen. Das Showing meint dabei das vollständige Zurücktreten des Erzählers hinter Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen einer bestimmten Figur. Unter anderem können dabei erlebte Rede und innerer Monolog als Showing bezeichnet werden.
  • Nach Stanzels Typenkreis können Sie sich nun merken, dass ein personaler Erzähler keine intratextuelle Figur ist, sondern ein Reflektor innerhalb der Seinswelt von gegebenen Figuren, welcher sowohl in Außen- als auch Innenperspektive berichten kann, jedoch immer nur aus der Wahrnehmung einer Figur heraus. 
  • Noch einfacher lässt sich der Unterschied zwischen auktorialem und personalem Erzähler über Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit der Erzählung zusammenfassen. Ein personaler Erzähler ist dabei immer mittelbarer als ein auktorialer.
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