Alle Kategorien
Suche

Was heißt frustriert? - Herkunft, Zustand, Folgen

Psychologen zufolge hat Frustration immer Aggression zur Folge.
Psychologen zufolge hat Frustration immer Aggression zur Folge.
Über Sprachwissenschaft lässt sich nicht nur die eigene Sprache besser verstehen. Die sprachwissenschaftliche Analyse kann helfen, die Beziehung von Menschen und Welt nachzuvollziehen und eigenen Emotionen auf den Grund zu gehen. Zum besseren Verständnis von komplexen Zuständen wie der Frustation, ist die sprachwissenschaftliche Betrachtung der Ausdrücke daher geeigneter Ansatzpunkt. Was heißt nun also das Wort "frustriert" und was verrät die Sprache selbst über seine Ursachen und Folgen?

Frustriert oder deprimiert?! - Ethymologie und Semantik

Ethymologisch liegen die Wurzeln des Wörtchens "frustriert" im Lateinischen.

  • Der Ausdruck "frustra" suggeriert hier eine enttäuschte Erwartung und wird zu Deutsch zumeist als "vergeblich" wiedergegeben. Die Bedeutungskomponenten des Ausdrucks sind ins Deutsche komplett übernommen und über die Zeit mit zusätzlichen Nuancen ergänzt worden. Als Lehnwort werden dem deutschen Adjektiv "frustriert" daher voneinander abgrenzbare Grundbedeutungen zugeschrieben: Am häufigsten steht das Wörtchen laut Duden in der Bedeutung von "unzufrieden, weil enttäuscht". 
  • Die semantische Bedeutung definitiv wiederzugeben, ist sogar für den Sprachwissenschaftler schwierig, denn Worte, die Empfindungen wiedergeben, sind eine hochkomplexe Angelegenheit. Ihre endgültige Intensität erhalten sie erst im Kontext. Je nachdem mit welchen anderen Worten sie kombiniert werden, treten verschiedene Nuancen desselben Gefühls hervor. Der Sprachwissenschaftler tut sich mit einer genauen Beschreibung von Wörtern wie "frustriert" deshalb schwer. Die Abgrenzung zu verwandten Ausdrücken wie "depremiert" bleibt eine Herausforderung.
  • Nach Semantikprofis wie Sprachwissenschaftlerin Anna Wierzbicka bedarf es zur Bedeutungsdefinition von Gefühlswörtern daher einer "wenn ..., dann ..."-Beschreibung. Hier sollen die komplexen Bedeutungen von Empfindungsausdrücken in einfache Bedeutungen wie "fühlen", "wollen", "positiv", "negativ", "intensiv" etc. aufgeschlüsselt werden. Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen innerem Zustand und äußerer Welt ist ein weiteres Kriterium. Unter Berücksichtigung dieser Faktoren können verwandte Ausdrücke leichter miteinander verglichen und voneinander unterschieden werden. Bedeutungen werden so universaler verständlich.
  • Wendet man eine solche Aufschlüsselung auf "frustriert" und "deprimiert" an, dann lässt sich für ein besseres Verständnis und Abgrenzung in etwa die nachfolgende Beschreibung geben: "frustriert" - Wenn X frustriert ist, dann erfährt er/sie einen negativen und aggressivierenden Zustand beliebiger Intensität, meist jedoch eher flüchtiger Dauer, dem ein unerfülltes Begehren vorausgeht. "Depremiert" - Wenn X depremiert ist, dann erfährt er/sie einen negativen, oft lähmenden Zustand tiefer gehender Intensität und meist längerer Dauer, der keinen direkt ersichtlichen Grund in der äußeren Welt haben muss und aus sich heraus eher nach innen gerichtet ist.
  • Frustriert ist demnach nicht derart tief gehend wie depremiert. Frustration kann sich jedoch als Vorstufe zu Depression manifestieren. Einer der größten Unterschiede in der Bedeutung der beiden Ausdrücke ist der Faktor der Dauer. Hält Frustration demnach länger an und verliert damit den Faktor der Flüchtigkeit, dann lässt sich ab diesem Zeitpunkt semantisch eher von einer angehenden Depression sprechen.
  • Dieses Schema spiegelt sich in den möglichen Kontexten der beiden Worte. Sie sagen beispielsweise "Ich bin frustriert, weil/wegen...". Dass Sätze wie dieser zum gewöhnlichen Sprachgebrauch gehören zeigt, dass ein Grund für die Frustration mit dem Wort selbst impliziert wird. Der Satz "Ich bin depremiert, weil/wegen..." ist ebenso denkbar. Eine Ursache ist hier möglich, aber nicht zwingend anzugeben. Der Ausdruck "Ich bin depressiv, weil/wegen ..."  ist ungewöhnlich. Hier zeigt sich eine Abstufung der drei Worte: Frustriert hat eine Ursache, die meist bekannt ist. Die Verwendung des Wortes depremiert kann Ursachen haben, muss aber nicht. Depressiv schließlich hat den Bezug zur Ursache weitestgehend verloren.

Da Idiome und feststehende Wendungen einer Sprache zeigen, dass Sprecher bestimmte Situationen häufiger erleben als andere, lohnt es sich auf der Suche nach Frustrationsursachen sprachwissenschaftlich eben solche zu betrachten. Sie geben tiefen Aufschluss über den Erfahrungsraum einer Sprechergemeinschaft.

Sexuell, beruflich und privat - Frustrationsursachen anhand von Idiomen

Betrachtet man den Ausdruck "frustriert", stellt sich die Wendung der sexuellen Frustration als eine der am häufigsten genutzten und verbreitetsten heraus.

  • Mit Sicherheit kann Frustration ebenso gut beruflich stattfinden: Erwartungen können auch hier enttäuscht werden. Die höhere Schlagzahl der Wendung "sexueller Frustration" gegenüber  "beruflicher Frustration" macht nichtsdestotrotz deutlich, dass die deutsche Sprechergemeinschaft Frustration am ehesten mit dem privaten Lebensbereich assoziiert.
  • Das hat mehrere Gründe: Unglücklich macht eine Beziehung dann eher als der berufliche Bereich, wenn der Liebe ein höherer Stellenwert unter den Wertigkeiten einer Kultur zugschrieben wird. Obgleich die westliche Welt  den Wert von Beziehungen und Intimität modernen Forschungen zufolge kontinuierlich hinter Karriere und Arbeit stellt, spiegelt sich hier als eine "Altlast" von Jahrhunderte langem Sprachgebrauch noch immer das Gegeneteil. 
  • Davon abgesehen ist der Bereich der Sexualität deshalb derart stark mit Frustration assoziiert, weil der Wortbedeutung ein unbefriedigter Wunsch inne liegt. Befriedigte Wünsche machen glücklich, unbefriedigte machen unglücklich und frustrieren. Mit der Befriedigung der geheimsten Wünsche schließlich wird am ehesten das Sexualleben verbunden. Da es aus Gründen der Scham aber gerade in diesem Bereich besonders schwer fällt, die geheimsten Wünsche offen zu teilen, entsteht eben hier leicht Unzufriedenheit und als Folge dessen Frustration. 

Oft heißt es über unausgeglichene und äußerlich wahrnehmbar unzufriedene Personen daher, ein erfülltes Sexualleben könne Abhilfe schaffen. "Äußerlich wahrnehmbar unzufrieden meint bezüglich Frustration übrigens nur allzu oft aggressiv. Auch das hat seine Gründe.

Frustration und Aggression - das heißt Unzufriedenheit für Betroffene

Sie haben sich ein Ziel gesetzt und es nicht erreicht. Sie haben das Gefühl, einfach nichts möchte rund laufen. Ihnen fehlt etwas, aber was das ist, können Sie nicht einmal sagen.

  • Frustriert heißt "unzufrieden". Die reine Unzufriedenheit mit etwas übersteigt Frustration jedoch. Es handelt sich stattdessen um eine Unzufriedenheit, die von einer Enttäuschung herrührt. Diese Enttäuschung muss Ihnen als Fühlendem aber nicht unbedingt klar sein. Der Grund der Frustration hat stets individuelle Ursachen - was den Einen frustriert, muss den Anderen nicht einmal kümmern. Unabhängig vom Individuum steht lediglich fest, dass dem Zustand eine - ob nun erkannte oder unerkannte - Ursache voraus geht, die durch ihren Zusammenhang mit innerer Unzufriedenheit meist einen gefühlten Mangel an etwas suggeriert.
  • Oft wird die Gesamtsituation als Ursache für angehende Frustration genannt. Je nach individueller Frustrationstoleranz kann eine einzige enttäuschte Erwartung frustrieren. Mit Frustrationstoleranz ist hier die persönliche Fähigkeit gemeint, enttäuschende Situationen in einem bestimmten Ausmaß zu ertragen, ohne sich unglücklich zu fühlen.
  • Psychologen gehen davon aus, dass Frustration stets zu Aggression führt. Diese Art der Aggression über enttäuschende Erlebnisse kann entweder nach innen oder außen gerichtet sein. Gerade bei nach innen gerichteter Frustrationsaggression wird die Gefahr einer späteren Depression als relativ hoch eingeschätzt. Sogar noch gefährdeter soll ein Frustrierter sein, der seine Aggression über die Enttäuschungen leugnet.

Aus "frustriert" muss nicht zwingend "depremiert" oder sogar "depressiv" werden. Die persönliche Frustrationstoleranz kann beispielsweise ausgedehnt werden. Sie können lernen, besser mit frustrierenden Situationen umzugehen. Das Leugnen von Frustration ist hier zu vermeiden. So pathetisch es klingt, hilft es, die eigenen Gefühle zu thematisieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ein Wille zur Situationsverbesserung führt zur Entspannung und Auflockerung der Frustration.

Teilen: