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Maria Stuart: Mortimer - Charakterisierung

Inhaltsverzeichnis

Schauplatz von "Maria Stuart" ist das England des 16. Jahrhunderts.
Schauplatz von "Maria Stuart" ist das England des 16. Jahrhunderts.
Friedrich Schillers Drama "Maria Stuart" ist ohne Zweifel eines der Stücke, das an Schulen sehr häufig gelesen und für literarische Charakterisierungen herangezogen wird. Vor die ambivalente Figur Mortimer ist dabei ein ausgesprochen gutes Diskussionsthema.

Äußere Erscheinung und Charakterisierung Mortimers

  • Mortimer ist ein junger, etwa 20 Jahre alter Mann.
  • Auch wenn es möglich ist, über weitere Details seines Aussehens anhand seines Handelns zu spekulieren: Mehr über Mortimers Erscheinungsbild als die harten Fakten erfährt man nicht - allerdings gilt das nicht für Hinweise zu seiner Charakterisierung.
  • Mortimer ist die einzige vollkommen fiktionale Figur im historisch inspirierten Drama Schillers.
  • Wenn Mortimer das erste Mal Maria unter vier Augen trifft, ist er sehr redselig und legt ihr begeistert seinen Wechsel zum Katholizismus offen - der Glaube, dem auch Maria Stuart angehört. Auf beinahe pathetische Art verklärt er Maria als Märtyrerin und ist überzeugt davon, durch eine Fügung Gottes derjenige zu sein, der sie befreien wird (I,6). Bereits darin zeigt sich die Verbindung der drei Charaktereigenschaften, die ihn im Verlauf des gesamten Stückes definieren: juveniler Idealismus, Religionsfanatismus und glühende Liebe.

Mortimers Entwicklung im Laufe von "Maria Stuart"

  • Sein Vorhaben, Maria Stuart zu befreien, ist dementsprechend nicht nur durch reine politische oder religiöse Motive motiviert. Er hat vor Elisabeth nur eingewilligt, Maria zu töten (II,5), um eine bessere Chance zu haben, Maria zu befreien. Im Monolog II,6 rechtfertigt er seine bewusste Täuschung von Elisabeth. So wird  deutlich, dass Mortimer vor allem emotional reagiert und so einen Kontrast zur rationalen Königin bildet. An dieser Stelle findet sich ein guter Ausgangspunkt für eine umfassende, literarische Charakterisierung.
  • Bei seinem ersten Treffen mit Leicester zögert er keinen Moment lang, den anderen Mann anzugreifen, der seiner Meinung nach zu langsam und überlegt handelt. Er wirbt sehr offensichtlich und wieder ausgesprochen emotional um die Zuneigung der Frau seines Herzens - dabei ist er aufgrund dessen so geblendet von seinen eigenen Gefühlen, dass ihm die relativ offensichtliche Intrige entgeht, die Leicester spinnt (II,8).
  • Nach der desolaten Begegnung zwischen Maria und Elisabeth (III,4) ist Mortimer weiterhin überzeugt davon, dass es einer mutigen Tat bedarf, um Maria zu befreien - er spricht von der Ermordung Elisabeths. In seinem jugendlichen Übermut glaubt er weiterhin an die simple Lösung der Probleme und zieht Gewalt weiterhin als Möglichkeit in Betracht, die Welt wieder in den Zustand zu versetzen, den er für richtig erachtet. Wieder wird hier seine Charakterisierung als etwas verklärte Figur deutlich. Er ist bereit, alles dafür zu tun, um Maria zu befreien.
  • In III,6 gesteht Mortimer der Protagonistin seine Liebe und erzählt ihr von seinem Plan, Elisabeth töten zu lassen. Doch sein Plan scheitert (III,8). Allerdings weigert sich Mortimer, zu fliehen, um sein Leben zu retten. Er ist zu stolz, als dass er überhaupt in Betracht zieht, vor Maria sein Gesicht zu verlieren - er ist dazu bereit, mit seinem Plan gemeinsam unterzugehen. Allerdings ergreift er in ungebrochener Loyalität noch eine Chance, seine Angebetete vor ihrem Schuldspruch zu bewahren.
  • Er will Leicester davon überzeugen, dass es trotz der widrigen Umstände noch möglich ist, Maria zu retten - doch Leicester verrät Mortimer an Elisabeths Wachen, um sein eigenes Leben zu retten; immerhin hat er sich mit Mortimer und Maria gegen seine eigene Königin verschworen, mit der er darüber hinaus eine Liebesbeziehung hat (III,8). Damit sind Mortimers Versuche einer Befreiung gescheitert: Er entzieht sich seiner Verhaftung, indem er Selbstmord begeht (IV,4).

Implikaturen von Mortimers Selbstmord

  • In diesem Suizid manifestiert sich noch einmal die charakterliche Ambivalenz Mortimers: Während Leicester ein Intrigant bleibt, behält Mortimer seinen Idealismus bis in den Tod. Gleichzeitig bricht der Selbstmord vollkommen mit Mortimers katholizistischen Überzeugungen (die er vermutlich hauptsächlich sowieso übernommen hat, um Maria Stuart zu beeindrucken). In diesem Akt befreit er sich von der Diktatur des religiösen Überbaus, die sein Denken teilweise so zu bestimmen scheint, und behält ein Stück Selbstbestimmung.
  • Allerdings ist diese Art von Würde problematisch zu betrachten: Mortimer befreit sich zwar von etwas, dieses allerdings nicht aus rationalen, sondern aus emotionalen Gründen. Unter Berücksichtigung von Schillers philosophischen Ansichten scheitert Mortimer also an der Verbindung von Verstand und Sinn, die der Autor so erstrebenswert fand. Über seinen Tod hinaus bleibt Mortimers Charakter die Repräsentation von Sinnlichkeit und Idealismus - eine unter Umständen gefährliche Kombination, wie Schiller in Mortimers Schicksal so deutlich illustriert.
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