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“Ghosten” - was ist das eigentlich?

Ghosting, wie Kontaktabbrüche ohne Erklärung heute oft genannt werden, ist kein neues Phänomen, allerdings hat die Häufigkeit deutlich zugenommen. Dabei ist es nicht speziell einem Geschlecht oder einer einzelnen Altersgruppe zuzuschreiben. Vielmehr ist es eng mit der Reife und der Kommunikationsfähigkeit eines Menschen verknüpft.

Ihr Partner bricht unerklärt den Kontakt ab und wird zum "Geist" - er ghostet Sie
Ihr Partner bricht unerklärt den Kontakt ab und wird zum "Geist" - er ghostet Sie

Was bedeutet “ghosten”?

Das Wort “ghosten” leitet sich vom englischen Wort “ghost” (zu deutsch Geist / Gespenst) ab. Es wird verwendet, wenn sich eine Person ganz plötzlich und ohne Erklärung zurückzieht und den Kontakt abbricht. Sie wird also quasi zu einem Geist.

Anschließende Versuche der Kontaktaufnahme laufen ins Leere, da die Person jeglichen Kontakt zum Gegenüber meidet.

Warum brechen manche Menschen einfach den Kontakt ab?

Die Gründe für das Ghosten sind vielfältig. Häufig haben Menschen, die andere ghosten, Probleme damit, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen und ihre eigenen Bedürfnisse zu formulieren. Sie versuchen daher Konfliktsituationen und Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen.

Möglicherweise fehlt Ihrem Dating Partner auch der Mut, Ihnen einen ehrlichen Korb zu geben. Das kann unter anderem an einer Mischung aus Überforderung und mangelnder sozialer Kompetenz liegen. Für ihn ist das Ghosting dann die einfachere Alternative zu einer emotional belastenden Konfrontation.

Es kann auch zum Kontaktabbruch kommen, wenn sich Ihr Gegenüber von Ihnen gekränkt fühlt. Wieder andere ghosten, um den vorherigen Gesprächspartner für ein mögliches Fehlverhalten zu bestrafen.

Welche Rolle spielt ghosten beim Dating?

Ghosting gehört zu den größten Dating-Phänomen des 21. Jahrhunderts.

Einer 2021 in Deutschland von YouGov durchgeführten Online-Umfrage zufolge ist es hierzulande bei den 18- bis 24-Jährigen besonders weit verbreitet. Es kommt aber auch in älteren Altersgruppen vor.

Während es unangekündigte Kontaktabbrüche schon in früheren Generationen gab, sind Psychologen der Meinung, dass diese durch Online-Partnerbörsen und Dating-Apps noch einmal begünstigt werden. Diese implizieren Unverbindlichkeit und Beliebigkeit und unterstützen die Bequemlichkeit der Menschen.

Häufige Ghosting-Zeitpunkte im Laufe eines Datingprozesses sind noch vor dem ersten Date, nach dem ersten Date oder nach dem ersten Sex. Aber auch in einer Beziehung kann es etwa nach einem Streit dazu kommen, dass ein Partner den anderen ghostet und die Beziehung dadurch beendet.

Gibt es Ghosting auch in der Arbeitswelt?

Ghosten beschränkt sich lange nicht mehr nur auf die Dating-Welt. Auch in der Arbeitswelt ist das Phänomen eine gängige Umgangsform. Dabei ghosten sowohl Arbeitnehmer bzw. Bewerber als auch Arbeitgeber. Dabei wird etwa von Business-Ghosting oder Job-Ghosting gesprochen.

Seitens des Arbeitgebers

Obwohl dieses Verhalten äußerst unhöflich und unprofessionell ist, ist es immer noch häufig von Arbeitgebern zu beobachten. Bewerber müssen häufig lange warten, bis sie eine Antwort vom Unternehmen erhalten, wenn überhaupt eine kommt. Rund 50% aller Bewerber haben nach 45 Tagen immer noch keine Rückmeldung auf ihre Bewerbung erhalten.

Das kann vielfältige Gründe haben. So kann die öffentliche Ausschreibung beispielsweise nur pro forma erfolgt sein oder sie sollte als Testanzeige dienen, um Konkurrenten zu beweisen, dass es dem Unternehmen wirtschaftlich gut geht.

Häufig sind auch interne Finanzierungsprobleme der neuen Stelle oder eine chronische Unterbesetzung der zuständigen Abteilung der Grund für eine ausbleibende adäquate Rückmeldung.

Seitens des Arbeitnehmers / Bewerbers

Während Unternehmen das Ghosten quasi über Jahre hinweg in der Arbeitswelt etabliert haben, ist es mittlerweile auch vermehrt von Seiten der Bewerber zu beobachten. Ein Erklärungsansatz hierfür ist, dass es eine Reaktion der Bewerber auf zuvor bereits erlebtes Ghosten von einem Unternehmen ist.

Die Ähnlichkeit zum Ghosting im privaten Bereich ergibt sich oft daraus, dass mittlerweile die Kontaktaufnahme und Kommunikation auch im beruflichen Rahmen heute häufig nur online erfolgt.

Einer 2019 in den USA durchgeführten Umfrage unter 900 Arbeitgebern und insgesamt 4.000 Jobsuchenden zufolge waren 83% der Unternehmen von Ghosting betroffen. In derselben Umfrage bekannten sich allerdings lediglich 18% der befragten Bewerber dazu, selbst schon einmal ein Unternehmen geghostet zu haben.

Der Zeitpunkt des Ghostings ist hierbei nicht immer der gleiche. Viele erscheinen, ohne vorher abzusagen, nicht zu ihrem Bewerbungsgespräch, andere reagieren irgendwann auf schriftliche Anfragen des Unternehmens nicht mehr oder bestätigen eine mündliche Zusage nie schriftlich.

Einige erscheinen an ihrem ersten Tag unangekündigt einfach nicht zur Arbeit.

Welche psychischen Folgen kann Ghosting haben?

Ghosting hat in der Regel sowohl für die Person, die den Kontakt abbricht, als auch für sein Gegenüber negative Folgen.

Für den Aktiven entsteht kein Lernprozess. Er muss sich nicht seiner Unsicherheit stellen und über seinen eigenen Schatten springen, um ein potenziell unangenehmes Gespräch zu führen. Indem er sich einfach zurückzieht und den Kontakt abbricht, konfrontiert er sich selbst nicht mit seinen Ängsten, kann somit aber auch nicht wachsen und sich weiterentwickeln.

Die Personen, die von einem unerwarteten Kontaktabbruch überrascht werden, entwickeln hingegen Zweifel an ihrer Selbstwahrnehmung, worunter auch das Selbstbewusstsein leiden kann.

In härteren Fällen können durch ghosting auch Traumata und Verlustängste ausgelöst werden, die auch in späteren Beziehungen noch eine Rolle spielen können.

In Extremfällen, und gepaart mit bereits bestehenden psychischen Problemen, kann der unerklärte Kontaktabbruch gar bis hin zu Suizidgedanken führen.

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