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Stockholm-Syndrom - 3 Beispiele aus der Geschichte

Das Stockholm Syndrom tritt vor allem bei Entführten und Geiseln auf.
Das Stockholm Syndrom tritt vor allem bei Entführten und Geiseln auf.
Sagt Ihnen das Stockholm Syndrom etwas? Viele Experten, Psychiater und Psychologen beschäftigen sich seit vielen Jahren damit. Es gibt diverse Geschichten und Artikel, in denen dieses Syndrom thematisiert wird. Auch einige bekannte Beispiele lassen sich finden.

Was ist das Stockholm Syndrom?

Der Begriff “Stockholm Syndrom” ist wissenschaftlich nicht fundiert und taucht bisher auch in keinem Leitfaden psychischer Störungen auf.

Es handelt sich jedoch nicht um ein Syndrom im eigentlichen medizinischen Sinne und auch nicht um eine Krankheit. Es ist vielmehr ein psychologisches Phänomen, eine Reaktion, hervorgerufen durch anhaltende Spannungs- und Angstzustände, das bei Betroffenen ganz unbewusst eintritt.

Besonders häufig ist es bei Entführungen und Geiselnahmen zu beobachten. Die Betroffenen verändern, als Anpassung an die Extremsituation, in der sie sich befinden, ihr Verhalten und kooperieren mit dem Täter. Dadurch hoffen sie, ihre Überlebenschancen zu vergrößern. Außerdem bauen sie eine positive Bindung zu ihrem Peiniger auf und entwickeln Verständnis und Sympathien für diesen. In Extremfällen kann das bis hin zu Liebesgefühlen gehen.

Woher kommt die Bezeichnung?

Die Bezeichnung “Stockholm Syndrom” entstand im Zusammenhang mit einer Geiselnahme in einer schwedischen Bank in Stockholm im August 1973. Es war nicht die erste Geiselnahme in der Geschichte, sie sorgte jedoch für ein nie zuvor dagewesenes mediales Interesse. Sie konnte quasi live verfolgt werden. Erstmals wurde dabei auch über die Gefühle der Geiseln berichtet.

Im Nachgang an dieses Verbrechen benutzte der schwedische Psychiater Nils Bejerot, der während der Tat als Berater fungierte und den Polizeibeamten bei der Kontaktaufnahme mit dem Geiselnehmer zur Seite stand, erstmals den Begriff “Stockholm Syndrom” und fand so einen Namen für die auf Außenstehende merkwürdig wirkende Verhaltensweisen, die die Geiseln an den Tag legten.

Die Geiselnahme war nach sechs Tage beendet, alle Gefangengehaltene wurden körperlich unverletzt befreit und der Geiselnehmer festgenommen. Aber auch nach ihrer Rettung hielten die positiven Gefühle, die die Opfer gegenüber dem Täter hatten, an. So waren Sie vor Gericht nicht in der Lage, gegen ihn auszusagen und eine der gefangen gehaltenen Mitarbeiterinnen ging sogar ein Verhältnis mit ihm ein.

Wie entsteht das Stockholm Syndrom?

Über die Entstehung des Stockholm Syndroms ist bisher nur wenig bekannt. Die Psychologie bietet allerdings verschiedene Erklärungsversuche und Experten vermuten, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Dazu gehören das Einsetzen eines unbewussten Schutzmechanismus und die Hoffnung auf erhöhte Überlebenschancen, wenn man sich mit dem Täter gut stellt.

Außerdem haben Opfer häufig die Hoffnung auf Rettung aufgegeben und fühlen sich hilflos. Unter anderem dadurch entsteht eine große Abhängigkeit vom Peiniger.

In den meisten Fällen sind Entführer oder Geiselnehmer die einzige Bezugsperson, die die Opfer über Tage, Wochen oder stellenweise mehreren Jahren zu sehen bekommen. Dadurch erhalten die Geiseln ausschließlich die Informationen, die die Täter zulassen und ihnen überbringen. Durch eine, auch dadurch entstehende, wahrgenommene Zurückhaltung der Rettungskräfte stehen die Geiseln diesen feindlicher gegenüber als ihrem Entführer.

Je stärker das Gefühl des Alleingelassenwerdens ist, desto mehr identifiziert sich das Opfer mit dem Täter. Die Geisel ist bereit dazu, Aufgaben für den Peiniger zu übernehmen, wie beispielsweise die Polizei in direkten Gesprächen anzulügen und entwickelt Verständnis für das Tatmotiv.

In den 1990er Jahren untersuchte das FBI rund 1.200 Geiselnahmen hinsichtlich des Auftretens des Stockholm Syndroms. In nur 8% aller betrachteten Fälle wiesen die Opfer ein positives emotionales Verhältnis zum Geiselnehmer auf.

Welche Folgen hat das Stockholm Syndrom?  

Für viele Betroffene des Stockholm Syndroms ist eine Rückkehr in den normalen Alltag sehr schwierig. Oftmals haben die positiven Gefühle gegenüber dem Täter noch Jahre nach der Tat Bestand. Opfer nehmen ihn vor Gericht in Schutz, besuchen ihn im Gefängnis oder werden von Schuldgefühlen geplagt, da sie sich dafür verantwortlich fühlen, dass der Täter hinter Gittern sitzt.

Häufig bagatellisieren Opfer die Tat im Nachhinein und stehen ob der harten Strafe gegen den Verbrecher den eigentlichen Helfern, wie beispielsweise der Polizei, feindlich gegenüber.

Bekannte Folgen des Stockholm Syndroms sind Albträume, Depressionen und Schlafstörungen.

Die erfolgreichste Behandlungsmöglichkeit ist die Psychotherapie. Hier können das Erlebte und die Gefühle verarbeitet und richtig eingeordnet werden.

Gibt es bekannte Beispiele?

Jaycee Dugard

Ein Beispiel für das Stockholm Syndrom ist der Fall Jaycee Dugard aus Kalifornien. Sie wurde mit elf Jahren auf dem Weg zur Schule entführt und anschließend fast zwei Jahrzehnte gefangen gehalten. Abgeschottet von der Außenwelt wurde sie von ihrem Entführer mehrfach vergewaltigt und brachte in der Zeit ihrer Gefangenschaft zwei Töchter auf die Welt. Unter anderem, da sie mehrere sich bietende Gelegenheiten zur Flucht nicht ausnutzte, waren Psychologen der Georgia State University der Auffassung, dass sie Anzeichen des Stockholm Syndroms aufweist.

Sie selbst wehrt sich gegen diese Aussage. Ihrer Ansicht nach impliziert das Stockholm Syndrom eine willentlich entstehende Zuneigung gegenüber dem Peiniger. Diese habe sie jedoch nicht empfunden. Für sie stellt ihr Verhalten lediglich eine Anpassung an die Situation dar, um Ihre Überlebenschancen zu vergrößern.

Natascha Kampusch

Ein weiterer bekannter Fall ist der von Natascha Kampusch. Ihre Geschichte ging um die Welt. Die damals zehnjährige Österreicherin wurde 1998 auf ihrem Schulweg entführt. Anschließend war sie über acht Jahre in Wien in Gefangenschaft, die meiste Zeit davon eingesperrt in einem einzigen Raum. In diesen acht Jahren wurde sie mehrfach schwer körperlich misshandelt. Im Laufe der Zeit brachte ihr Entführer ihr Zeitungen oder Bücher mit, unterrichtete sie im Lesen und Schreiben und erlaubte ihr, hin und wieder Radio zu hören und Videos zu gucken.

Auch sie weist Experten zufolge Anzeichen des Stockholm Syndroms auf. In der Gefangenschaft hat sie sich mit ihrem Entführer arrangiert, um am Leben zu bleiben. 

Patty Hearst

Auch die Geschichte von Patty Hearst ist vielen bekannt. Im Jahre 1974 wurde die damals 19-jährige Enkelin des mächtigen US-amerikanischen Verlegers William Randolph Hearst von der linksradikalen Symbionese Liberation Army (SLA) entführt. Rund zwei Monate nach ihrer Entführung warf sie in einer Audiodatei ihren Eltern vor, nicht genug für ihre Befreiung zu tun und erklärte, sie habe sich der SLA angeschlossen. Ab diesem Moment beteiligte sie sich an mehreren Überfällen, der schwerwiegendste war ein bewaffneter Banküberfall. Aufgrund ihrer Mithilfe in diesem Fall wurde sie im Jahr 1975 verhaftet und zu einer Haftstrafe verurteilt.

Nach Meinung vieler Experten ist Patty Hearst vom Stockholm Syndrom betroffen. Auch ihr Anwalt argumentierte im Gerichtsprozess nach dem Banküberfall damit. Dadurch, dass sie über lange Zeit in einer derart bedrohlich Situation gefangen war, habe sie, um zu überleben, angefangen ihre Gedanken und Emotionen abzuspalten und nur noch auf die Anweisungen ihrer Entführer hin zu handeln.

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