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Borkenkäfer - alles über Aussehen, Lebensweise & Co

Inhaltsverzeichnis

Borkenkäfer sind schwer zu entdecken, aber ihre Spuren sind markant.
Borkenkäfer sind schwer zu entdecken, aber ihre Spuren sind markant.
Beim Waldspaziergang fallen sie Ihnen auf - kahle Stämme, dürre Äste, Nadelteppiche am Boden - was ist hier geschehen? "Der Borkenkäfer", erklärt Ihnen ein vorbeilaufender Förster zerknirscht. Mit wütendem Ausdruck zeigt er auf einen umgefallenen Baumstamm und erklärt Ihnen, der winzige Käfer sei einer der größten Forstschädlinge. Unscheinbares Aussehen, große Wirkung? Aber stimmt das wirklich?

Ein Käfer mit unscheinbarem Aussehen

Die Unterfamilie der Borkenkäfer (Scolytinae) umfasst mehr als 2000 Arten. Wenn Sie vom Borkenkäfer reden, dann meinen Sie damit wohl den Buchdrucker (Ips typographus). Das Aussehen dieser Käferart ist ziemlich unscheinbar.

  • Die erwachsenen Käfer haben einen zylinderförmigen Körper und sind nur 4,2 bis 5,5 Millimeter lang. Wenn Sie im Wald einen Buchdrucker finden wollen, müssen Sie also genau hinschauen!
  • Die Farbe des Käfers ändert sich mit zunehmendem Alter. Ausgewachsene, aber noch nicht geschlechtsreife Tiere sind hellbraun. Erlangen sie die Geschlechtsreife, sind sie dunkelbraun.
  • Fast der gesamte Körper des Tierchens ist mit „Haaren“ besetzt. Die beiden Flügeldecken überspannen den Hinterleib nicht ganz vollständig. Sie besitzen im Bereich des Absturzes - so nennt man die unbedeckte, abfallende Fläche des Hinterleibs - je vier „Zähne“. Der Buchdrucker wird daher auch Großer achtzähniger Fichtenborkenkäfer genannt.
  • Den winzigen Kopf überragt ein Halsschild komplett, sodass man ihn von oben nicht sehen kann. Am Ende der kurzen Fühler des Borkenkäfers befindet sich je eine dicke Keule.
  • Die kleinen Larven des Buchdruckers haben das typische Aussehen der meisten Käferarten. Sie sind hell, beinlos und ähneln etwas einer Raupe. Weil die Winzlinge ein verborgenes Leben führen, bekommen Sie sie kaum zu Gesicht, außer, Sie suchen gezielt danach.

Das geheime Leben der Borkenkäfer

Sie mögen die kleinen Krabbler vielleicht nie sehen, doch sie hinterlassen verräterische Spuren. Der Förster zeigt Ihnen seltsame „Zeichen“ unter der Borke der Bäume. Wie entstehen diese und was verraten sie Ihnen über die Lebensweise der Zwerge?

  • Wenn im Frühjahr die Temperaturen über 15 °C steigen, begeben sich die Männchen auf die Suche nach einem geeigneten Ort zum Leben. Ihre Wahl fällt zunächst auf Totholz oder kranke und geschwächte Bäume. Hauptsächlich besiedeln Buchdrucker Fichten, Tannen, Lärchen und Kiefern.
  • Hier bohrt sich der Buchdrucker mit Hilfe kräftiger Mundwerkzeuge durch die Rinde in den Bast. Frische Bohrgänge erkennen Sie anhand von Spuren des „Bohrmehls“ auf dem Waldboden.
  • Im Bast angekommen, legt der Borkenkäfermann eine „Rammelkammer“ an und paart sich mit dem Weibchen. Das Borkenkäferweibchen gräbt sich durch den Bast einen senkrechten Gang, den Muttergang, und legt darin ihre Eier ab. Rund 40 Eier legt sie pro Gang. Je Vegetationsperiode sind es insgesamt sogar 150 Eier!
  • Die geschlüpften Larven graben sich vom Muttergang ausgehend horizontale, geschlängelte Larvengänge, die immer breiter werden. Das lässt sich mit dem Wachstum der Larven begründen. Die Tierchen ernähren sich, ebenso wie die Alttiere, von dem beim Graben anfallenden Substrat.
  • Das Gangsystem brachte dem Borkenkäfer seinen lustigen Namen „Buchdrucker“ ein. Sie ähneln nämlich einem aufgeschlagenen Buch, von dessen aufgeschlagener Mitte (Muttergang) die einzelnen Zeilen (Larvengänge) abgehen.
  • Im Puppenwiege genannten „Ende“ der Larvengänge schließlich verpuppen sich die Larven und durchlaufen die Metamorphose zum echten Käfer. Wenn die Witterung stimmt - wenn es möglichst warm und trocken ist - dauert es vom Ei zum Käfer nur einen Monat. Ist es kälter und feucht, benötigen die Käferlein ein Vierteljahr.

Weil Buchdrucker nur direkt unterhalb der Borke ihre Brutsysteme anlegen, werden sie zu den „Rindenbrütern“ gerechnet. Andere Borkenkäferarten dringen sogar bis ins Holz des Baumes vor und heißen entsprechend „Holzbrüter“. Zu ihnen gehört zum Beispiel der Gestreifte Nutzholzborkenkäfer (Trypodendron lineatum).

Der Borkenkäfer ist ein gefürchteter Forstschädling

Der Borkenkäfer hört sich nach einem unbedeutenden Waldbewohner an, finden Sie nicht? Weit gefehlt! Die Lebensgewohnheit der Borkenkäfer hat für den Wald erhebliche Folgen:

  • Im Bast befinden sich die „Versorgungsleitungen“ des Baumes. Über diese versorgt er sich von den Wurzeln aus bis in jede Nadel mit Wasser. Durch die Tätigkeit der Borkenkäfer wird mit der Zerstörung des Bastes die Wasserleitung beschädigt und der Baum muss „verdursten". Ein Borkenkäferbefall äußert sich daher so, dass die Nadeln zunächst braun werden und dann ausfallen. Am Schluss stirbt der Baum ab.
  • Ein Käfer allein wäre für einen Baum kein ernstzunehmender Gegner. Mit seinem Harz, das giftige Stoffe enthält, weiß sich die Pflanze gut zu wehren. Doch die Käfer können daraus Duftstoffe herstellen, mit denen sie Artgenossen „anlocken“. Insbesondere bei idealem Käferwetter (heiß und trocken), können selbst kerngesunde Bäume der Käferarmada zum Opfer fallen.
  • Begünstigt wird die „Käferplage“ durch, moderne Holzwirtschaft. Einst bedeckten Laubmischwälder Mitteleuropa. Vor allem Rotbuchen, Hainbuchen, Eichen, Ahorne und vereinzelt Tannen prägten den Wald. Weil diese aber nur langsam wachsen, wurden die Mischwälder nahezu gänzlich abgeholzt. An ihre Stelle traten schön in Reih‘ und Glied gepflanzte Monokulturen aus Fichtenbeständen.

Die Fichte kommt ursprünglich aus den Hochgebirgsregionen und ist dort viel kühlere Witterung gewohnt. In den tieferen Regionen kann sie sich kaum gegen den Buchdrucker wehren - ein wahres Käferschlaraffenland!

Als Bestandteil der Natur ist der Buchdrucker unverzichtbar

Der Borkenkäfer erfüllt in der Natur eine nicht zu unterschätzende Rolle:

  • Der Borkenkäfer und seine Larven sind wichtiger Bestandteil der Nahrung vieler Waldtiere. Das bekannteste Tier von ihnen, haben Sie bestimmt schon einmal gesehen oder eher gehört: Unverkennbar ist das „Tok-Tok-Tok“ des Buntspechtes (Dendrocops major). Bei Kleiber (Sitta europaea) und Waldbaumläufer (Certhia familiaris) steht der Buchdrucker ebenfalls auf der Speisekarte. Nicht zu vergessen sind zahlreiche wirbellose Tiere, darunter Käfer, Spinnen und Schlupfwespen, die sich am Borkenkäferbuffet bedienen.
  • Weil die „Feinde“ des Borkenkäfers wiederum selbst Nahrung anderer Tiere sind, entsteht ein dichtes Nahrungsnetz. Je dichter dieses ist, umso „stabiler“ sind Artenvielfalt und Ökosystem.
  • Gleichzeitig sorgt der Borkenkäfer in einem gesunden, natürlichen Mischwald dafür, dass vor allem kranke Bäume beseitigt werden. Die dadurch entstehenden Lichtungen ermöglichen es erst, einer neuen Generation genug Sonnenlicht zu verschaffen. Er spielt als „Erneuerer“ des Waldes eine zentrale Rolle.
  • Die abgestorbenen Bäume wiederum sind Lebensraum und Nahrungsquelle von Ameisen und Pilzen und anderen Destruenten.

Im Nationalpark Bayerischer Wald überließ man seit den 1980ern vom Borkenkäfer befallene Waldgebiete sich selbst. Zunächst von Forstwirtschaftlern mit Protest begleitet, wertet man das Unternehmen heute als ökologischen Erfolg. Innerhalb relativ kurzer Zeit entstand ein wesentlich artenreicherer Wald. Durch die natürlichen Regulationsmechanismen wuchs nicht nur die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten. Auch die Bestände des Borkenkäfers pendelten sich auf einem „gesunden“ Niveau ein.

Im Wirtschaftsforst müssen Borkenkäfer bekämpft werden

„Naturnahe“ Wälder, wie man sie heute im Bayerischen Wald oder im Nationalpark Hainich findet, sind heute selten. Der größte Teil des waldreichsten europäischen Landes wird vom Menschen wirtschaftlich genutzt.

  • Hier kann die Natur den Bestand des Buchdruckers nicht selbst regulieren, weil ihr dazu keine Zeit gelassen wird. Daher muss der Mensch übermäßigen Befall verhindern oder eindämmen. So werden auch die Randgebiete vom Nationalpark Bayerischer Wald von Käfern befreit. Das soll ein „Überspringen“ auf wirtschaftlich genutzte Waldflächen verhindern.
  • Zwar besteht die Möglichkeit, den Käfer durch Förderung seiner Raubfeinde im Zaum zu halten, diese Maßnahme ist jedoch nicht effektiv genug. Ebenfalls kontrovers diskutieren Experten den Einsatz von Krankheitserregern. Das Bakterium Bacillus thuringiensis produziert etwa ein für Käfer tödliches Bt-Toxin.
  • Einige Förster setzen so genannte „Käferfallen“ ein. Diese enthalten einen Lockstoff, der die Käfer anziehen soll. In der Praxis eignet sich die Methode nur fürs "Monitoring" der Bestände.
  • Wichtigste Bekämpfungsmethode ist das „saubere“ Wirtschaften im Wald. Das bedeutet: regelmäßige Kontrollen auf Befall sind Pflicht. Geschädigte Bäume müssen unverzüglich entfernt und „verarbeitet“ werden, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Kritiker weisen darauf hin, dass durch sofortiges Entfernen der kranken Bäume die eigentlichen Ziele der Käfer beseitigt werden. Folglich bliebe den Käfern nichts anderes übrig als erst recht gesunde Bäume zu besiedeln.
  • Eine weitere Möglichkeit zur Eindämmung der Population sind Fangbäume. Diese bewusst liegengelassenen Bäume sollen vom Käfer besiedelt werden, während sie die gesunden Bestände in Ruhe lassen. Anschließend entfernt man die Fangbäume oder behandelt sie mit Toxinen oder durch Rindenschälen.

Sie erkennen das Dilemma: Der Borkenkäfer schädigt massiv die heimischen Wälder. Der eigentliche Schädling, wie der Förster schließlich kleinlaut zugibt, ist nicht der Käfer. Die Verantwortung liegt beim Menschen. Durch gezieltes Anlegen von Monokulturen macht dieser es dem Käfer viel zu leicht. Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels und des sauren Regens, die die Bäume zusätzlich schwächen. Ihnen wird schnell klar, eine ökologische, natürlichere Waldwirtschaft müsste her. Doch die bringt nicht genug Profit. Noch nicht!

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