- 30.12.2011 Markus Köhler
Es liest sich härter als es soll, aber greift nicht Kunze beinahe jedes Klischee auf, das über pubertierende Jugendliche im Umlauf ist, um aus der Darstellung einer Tochter die Darstellung von Jugendlichen per se zu machen? Solche Fragen sollten Sie sich stellen, wenn Sie eine Charakterisierung der handelnden Personen in "Fünfzehn" verfassen. Handelnde Personen sind zwei, obwohl es einen Ich-Erzähler gibt, der aus seiner Sicht erzählt.
Wäre die Geschichte aus Perspektive der Tochter geschrieben, würde sie wahrscheinlich anders geschrieben worden sein. Fragen Sie sich also, welche Auswirkung die Perspektive auf den Eindruck der Personen hat, die der Leser von ihnen gewinnt. Wichtig ist hier, dass der Vater den Umweg über Materialien geht. Er beschreibt den Rock, das Zimmer, die Hausschuhe, den Staub und nur sehr selten geht er auf direktes Verhalten ein. Was bewirkt das bei Ihnen? Wäre der Eindruck ein Anderer, wenn er über das Verhalten der Tochter sich selbst gegenüber, etwa bei einem Gespräch schreiben würde?
Machen Sie einmal den Test bei sich selbst. Schreiben Sie den Text als eine Anklage, die der Vater gegen seine Tochter vorbringt, wenn er sie zur Rede stellt, um. Lassen Sie hierbei gezielt die Pointe weg. Wie würde die Tochter reagieren? Welche Schlüsse ziehen Sie daraus auf sie, auf den Vater? Fällt Ihnen etwas auf, das der Vater nicht kritisiert?
Im Weiteren schauen Sie auf die Pointe. Lesen Sie sie und dann lesen Sie die Geschichte auf die Pointe hin. Denken Sie daran, dass Reiner Kunze "fünfzehn" auch auf diese Pointe hin geschrieben hat. Was sagt das über seine Absicht aus? Wie erscheint der Vater im Lichte der Spinnennestergeschichte? Vergleichen Sie Ihre Charakterisierung bevor Sie die Spinnennestergeschichte berücksichtigt haben und nachdem Sie sie berücksichtigt haben. Was hat sich verändert?
Stellen Sie beide Charakterisierungen gegenüber. Reiner Kunze geht nicht umsonst auf beide Personen ein. Setzen Sie beide Personen in ein Verhältnis von Schlüssel und Schlüsselloch. Beide ergänzen dann einander und passen zu einander. Man könnte gehässig sagen, "jeder hat die Tochter, die er verdient". Aber das ist nicht der Punkt, sondern fragen Sie sich, welches Selbstbild beide von sich haben und welche Rolle das Bild dabei spielt, dass der Andere von ihnen hat.
Denken Sie daran, dass Reiner Kunze beide Figuren ernst nimmt. Auch wenn diese "Tochter" "fünfzehn" ist, ist sie vollwertige und gleichberechtigte Person. Wirkt sich das auf das Handeln des Vaters aus? Und wie? Ist Kunze Partei?
Eine gute Charakterisierung und eine gute Interpretation gehen Hand in Hand miteinander. Bitte merken Sie sich das. Auch wenn der Autor selbst nur bedingt auf sich zurückschließen lässt, sollten Sie diese Figur nicht gänzlich außer Acht lassen, wenn Ihre Bearbeitung gelingen soll.