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Ironie in der Musik - Das Phänomen Schostakowitsch

Ironie in der Musik - geht das überhaupt? Der Gedanke, dass ein Komponist mit seiner Musik etwas vollkommen anderes meint, als das, wonach sie zunächst klingt, scheint auf den ersten Eindruck widersprüchlich. Was aber passiert, wenn man als Komponist gezwungen wird, eine Musik zu schreiben, die den eigenen Idealen widerspricht? Dmitri Schostakowitsch, der zur Zeit des Stalinistischen Regimes lebte, hat in seiner Musik eine Lösung gefunden, sich den gesellschaftlichen Forderungen anzupassen und sich dennoch selbst treu zu bleiben. Das Resultat sind Kompositionen, in denen das Phänomen musikalischer Ironie auf einmal zum Greifen nahe scheint.

Die Musik von Schostakowitsch ist wie ein Netz mit doppeltem Boden.
Die Musik von Schostakowitsch ist wie ein Netz mit doppeltem Boden.

Ironie als rhetorisches Mittel

  • Mit Ironie verbindet man gemeinhin ein Phänomen, das aus Sprache und Literatur bekannt ist. Ironie gilt als rhetorisches Mittel, mit dem der Autor das Gegenteil von dem ausdrückt, was er wirklich meint. Mithilfe von Ironiesignalen gibt er dem Leser dabei seine wahren Absichten zu erkennen.
  • Auch in der Alltagssprache wird Ironie häufig verwendet, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Ein ironisches Lob, sei es durch ein einfaches Wort oder auch einen ganzen Satz, ist oft wirkungsvoller als ein ernst gemeinter Tadel.
  • Ironie kann verschiedene Funktionen haben. Zum einen kann sie Ausdruck einer bestimmten Art von Humor sein. Berühmt für seinen ironischen Witz ist Vicco von Bülow, besser bekannt unter dem Namen Loriot, der mit seinen zahlreichen Sketchen, Texten und Filmen in die Geschichte des deutschen Humors eingegangen ist. Eine weitere Hauptfunktion der Ironie ist der humoristischen jedoch ganz entgegengesetzt, denn Ironie ist ebenso eine Möglichkeit, Kritik zu üben - subtiler, aber auch schärfer, als mit direkten Worten.
  • Die künstlerische Bedeutsamkeit der Ironie liegt darin, dass sie nicht von jedem Hörer oder Leser in gleicher Weise entschlüsselt werden kann. Zwar sollte Ironie bis zu einem gewissen Grad über Ironiesignale erkennbar sein, doch die Deutlichkeit dieser Signale bleibt dem Autor überlassen. In dieser Hinsicht kann es passieren, dass der eine Hörer ganz genau versteht, was der Redner meint, während ein anderer die Aussage völlig anders interpretiert.
  • Wer eine ironisch gemeinte Aussage nicht ironisch, sondern wörtlich versteht, wird zum sprichwörtlichen "Opfer der Ironie". Da er nicht das entsprechende Hintergrundwissen hat, um den tatsächlichen Sinn der Worte zu verstehen, weiß er auch nicht, dass seine Interpretation der Aussage falsch ist. Bis er diesbezüglich eines Besseren belehrt wird, geht er demnach davon aus, dass die Aussage wörtlich zu verstehen ist.

Dmitri Schostakowitsch - der Komponist mit den zwei Gesichtern

  • Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) gehört zu den berühmtesten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Sein Werk umfasst Kompositionen aller Gattungen, besonders hervorstechend sind jedoch seine 15 Sinfonien.
  • Ebenso bemerkenswert wie die Musik von Schostakowitsch ist seine Biografie und die gesellschaftlichen Umstände, in denen er lebte und komponierte. In Zeiten der Diktatur Stalins und des Primats des Sozialistischen Realismus war auch die Musik von den Forderungen des Regimes betroffen. Dies bedeutete, dass Schostakowitsch nicht so komponieren konnte, wie er wollte, sondern seine eigene musikalische Meinung jener der Regierung unterordnen musste, um sich vor grausamen Strafen zu schützen.
  • Der Sozialistische Realismus forderte von den Komponisten, dass ihre Werke sich durch Volksnähe, Einfachheit, Verständlichkeit und Optimismus auszeichneten. Da sich dies besonders gut anhand eines vertonten Textes nachweisen ließ, wurde die Instrumentalmusik mit größter Skepsis betrachtet. Angesichts dieser bedrohlichen Umstände sah sich Schostakowitsch daher gezwungen, seine 4. Sinfonie von 1936 vor der Uraufführung zurückzuziehen, da sie in ihrer musikalischen Sprache hochkomplex ist und noch dazu weder einen Text noch ein optimistisches, positives Ende vorzuweisen hat.
  • Die Tragik in der Lebensgeschichte Schostakowitschs liegt darin, dass er in vielerlei Hinsicht ein Komponist mit zwei Gesichtern war. Einerseits sah er sich als patriotischer Russe, der mit Vorliebe typisch russische Elemente in seine Musik einfließen ließ. Andererseits wurde sein Vaterland von einem Regime beherrscht, das ihm als Komponisten sprichwörtlich Ketten anlegte und ihn daran hinderte, so zu schreiben, wie er es für richtig hielt. Einerseits lag ihm persönlich viel daran, eine möglichst "ehrliche" Musik zu komponieren, in der auch das Hässliche und Schlimme auftauchte, andererseits wurde genau diese musikalische Aufrichtigkeit vom Sozialistischen Realismus bedroht.
  • Schostakowitsch war als Komponist und Familienvater zwar grundsätzlich ein unpolitischer Mensch, wurde aber durch die Forderungen des Regimes gezwungen, seiner Musik eine politische Einstellung aufzuzwingen, die er selbst nicht vertrat. Damit ist schon allein seine Lebensgeschichte für das Phänomen der Ironie geradezu prädestiniert.

Die 5. Sinfonie - echter oder ironischer Jubel?

  • Unter den Kompositionen Schostakowitschs, in denen sich Charakteristika einer musikalischen Ironie entdecken lassen, sticht die 5. Sinfonie op. 47 besonders hervor. Dieses Werk entstand 1937 und war die erste große Komposition Schostakowitschs, nachdem seine Oper "Lady Macbeth" offiziell - das heißt von Stalin persönlich - in einem Zeitungsartikel verrissen worden war. Die Bedeutung der Sinfonie erklärt sich aus der Tatsache, dass Schostakowitsch durch dieses Werk mit einem Schlag vom "Volksfeind" zum "Volksheld" wurde.
  • Als reines Instrumentalstück stand die Sinfonie zwar unter besonders genauer Begutachtung des Regimes, doch die klassische Viersätzigkeit, die traditionelle Form und vor allem das angeblich positive Ende riefen überschwängliche Reaktionen seitens der Kritiker hervor. Unter Musikwissenschaftlern steht jedoch bereits seit Jahren die Frage im Zentrum, wie das vermeintlich triumphale Ende der Sinfonie zu interpretieren sei - als echter Triumph oder als Kritik, versteckt hinter ironischem Jubel.
  • Beim ersten Hören deutet in der Coda der Sinfonie alles auf Optimismus hin. Harmonisch moduliert der Komponist von anfänglichem d-Moll nach D-Dur, einer besonders strahlenden Tonart. Der Einsatz des vollen Orchesters und die typische Strahlkraft der Blechbläser sorgen für einen majestätischen Klang, dessen Wirkung noch durch die Pauken unterstützt wird. Der triumphale Charakter wird zusätzlich bekräftigt durch die enorme Lautstärke und die Einheitlichkeit der musikalischen Motive in den verschiedenen Instrumentengruppen.
  • Will man das hier vorliegende Phänomen als Ironie bezeichnen, liegt es nahe, diesen ersten Eindruck als oberflächlichen Sinn der Aussage zu betrachten. Bei genauerem Hinhören - und nicht zuletzt bei einem Blick in die Noten - ergibt sich jedoch eine andere Interpretation, die auch musikalische Ironiesignale berücksichtigt. Bemerkenswert ist zum Beispiel die Tatsache, dass die Violinen als Begleitung der Blechbläser permanent den Ton a spielen. Das a ist die Quinte des D-Dur-Dreiklangs und gleichzeitig der Ton des Dreiklangs, der am wenigsten geeignet ist, ein harmonisches Fundament darzustellen. Hiermit drückt Schostakowitsch darum weder Stabilität noch Sicherheit bzw. Selbstbewusstsein aus, sondern vielmehr das Gegenteil. Auf metaphorischer Ebene entsteht der Eindruck, als wäre jemandem vor Angst die Kehle zugeschnürt, denn der höchste Ton des Akkords wird bis zum Schluss, über mehrere Seiten der Partitur, beibehalten.
  • Ein weiteres Indiz dafür, dass der Triumph möglicherweise nur ein vordergründiger Triumph ist, liegt in der überzogenen Darstellung der angeblich positiven musikalischen Parameter. Zwar sorgt die melodische Linie der Trompeten für Strahlkraft und Glanz. Durch die schon erwähnte Art der Begleitung und die permanente Steigerung in noch höhere Lagen unter Einbeziehung von Dissonanzen wirkt die Helligkeit jedoch nicht mehr lebensspendend, sondern grell und schmerzhaft. Die Pauke, die zur Bekräftigung immer wieder zwischen Grundton und Quinte wechselt, erscheint in ihrer extremen Lautstärke wie eine Stimme der Gewalt, die möglicherweise das stalinistische Regime versinnbildlicht.
  • Die tatsächliche Aussage der Sinfonie ist heute nicht mehr eindeutig feststellbar. Verschiedene musikalische Merkmale sprechen jedoch dafür, dass Schostakowitsch in dieser Sinfonie bemüht war, dem Schein nach den Forderungen des Regimes zu genügen, unter der Oberfläche jedoch sich selbst treu zu bleiben.
  • Wenige Jahre nach dem Tod Schostakowitschs gab Solomon Wolkow die Memoiren des Komponisten heraus. Dieses Buch ist seit Jahren hochgradig umstritten, da es Schostakowitsch nicht als regimetreuen Komponisten, sondern vielmehr als rebellischen Dissidenten darstellt, der den Stalinismus in seiner Musik kritisiert und anprangert. Unabhängig davon wie berechtigt die Kritik an diesem Buch und seiner Entstehung sein mag, ist es bezeichnend, wie sehr die Musik und die Texte Schostakowitschs manche Ansichten Wolkows bestätigen. So ist es sowohl aus der Sicht des Hörers als auch durch eine genaue Analyse der Noten möglich, zwischen den Zeilen der Musik eine Aussage zu erkennen, die der Oberflächlichen teilweise deutlich widerspricht - wodurch der Begriff einer musikalischen Ironie nur angemessen erscheint. 
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