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Zivilisatorisches Hexagon - Kritik

In der Geometrie ist das Hexagon ein Sechseck. Kaum eine Form findet sich dabei als Symbol in derart vielen verschiedenen Zusammenhängen wieder. Ob Kristallstrukturen in der Natur, Symboliken des Christentums oder Theorien der Friedensforschung: das Sechseck steht auf Grund seiner besonderen mathematischen Eigenschaften für viele Sachverhalte. Ein Beispiel: Senghaases zivilisatorisches Hexagon, das in der Friedensforschung nicht nur auf Anhänger, sondern mindestens im selben Maße auf Kritik stößt.

Das Hexagon dient Seghaas zur Verdeutlichung seines Friedensmodells.
Das Hexagon dient Seghaas zur Verdeutlichung seines Friedensmodells.

Das Hexagon in der Friedensforschung - die Bedeutung

Der Begriff "zivilisatorisches Hexagon" geht auf Friedensforscher Dieter Senghaas zurück. So nutzte er das Sechseck, um seine Theorien zu gesellschaftlichen Strukturen für eine friedliche und stabile Gemeinschaft zu veranschaulichen. 

  • Nachdem er Entwicklungsländer erforscht hatte, fasste er sechs Bausteine für die Friedenssicherung in einer Gesellschaft zusammen, um sie über das Hexagon grafisch darzustellen. Die sechs Komponenten als einzelne Seiten des Sechsecks stünden laut Senghaas in direkter Abhängigkeit zueinander und Wechselwirkung miteinander, wobei sie sich gegenseitig genauso schwächen wie stärken könnten. 
  • Als wichtigstes Element für Friedenssicherung identifizierte Senghaas das Gewaltmonopol, demnach die Entlegitimisierung von Gewalt des einzelnen Bürgers. Das nächste Element, die Rechtsstaatlichkeit, sollte schließlich dafür sorgen, dass die Entwaffnung des einzelnen Bürgers gegeben sei, jedoch genauso das Gewaltmonopol des Staates kontrolliert werde.  
  • Damit das Gewaltmonopol überhaupt realisierbar würde, bedürfe es einer Möglichkeit auf demokratische Partizipation für den einzelnen Bürger. So würde eine Gesellschaft Senghaas zu Folge sich nur "entwaffnen" lassen, wenn sie das Gefühl habe, in staatliche Entscheidungen zumindest mit einbezogen zu werden.
  • Neben der Möglichkeit auf Mitbestimmung sei zwingend eine soziale Gerechtigkeit von Nöten, damit die Bürger einer Gesellschaft ihrem Land vertrauen könnten und das Gewaltmonopol des Staates tolerieren würden. Unter den Begriff der sozialen Gerechtigkeit fällt dabei für Senghaas vor allem die Sicherung der Grundbedürfnisse und Menschenrechte eines jeden Bürgers.
  • Fünfte Seite des Hexagons stellt nach Senghaases Modell schließlich eine konstruktive Konfliktkultur dar. Jene beinhaltet die staatliche Toleranz verschiedener Kulturen und sozialer Gruppen innerhalb eines Landes. Etwaige Konflikte zwischen oder mit jenen müssten zur Friedenssicherung über Kompromissbereitschaft geklärt werden können.
  • Unter dem letzten Element der Interpedenzen und Affektkontrolle fasst Senghaas nun zusammen, alle vorherigen Elemente sollten im einzelnen Bürger im besten Falle die Fähigkeit zur friedlichen Klärung einer Konfliktsituation im Einzelfall bedingen. 

Senghaases zivilisatorisches Modell - die Kritik

So weit verbreitet Senghaases strukturelles Friedensmodell auch ist, finden sich doch genauso viele Kritiker wie Anhänger des Hexagons. So erwähnt Imbusch beispielsweise, Senghaases Denkstrukturen seien westliche, wodurch das Modell an universeller Gültigkeit verliere und allein auf westliche Gebiete wirklich zutreffen könne.

  • Die Tatsache, dass Senghaases zivilisatorisches Hexagon sogar laut ihm selbst die funktionierende Friedenserhaltung europäischer Länder behandelt, verdeutlicht noch ein Stück mehr, dass die Übertragung des Modells auf nicht-euopäische Breitengrade mit hoher Wahrscheinlichkeit kaum möglich sein wird. 
  • Senghaas unterscheidet in seinen Arbeiten zur Friedenssicherung zwischen modernen und traditionellen Gesellschaften, wobei er eine konstante Modernisierung zur Friedenssicherung fordert. Unter modernen Gesellschaften versteht er dabei pluralistische Gesellschaften, sodass eine geforderte Modernisierung mit einer geforderten Pluralisierung gleichzusetzen ist. Jener Gedanke stößt in dutzenden Arbeiten anderer Friedensforscher nun auf mehr oder minder starke Kritik. 
  • So wird Senghaas vor allem an dieser Stelle vorgeworfen, die europäische Moderne als (wünschenswertes) Universalendstadium vorauszusetzen, was in sich nicht tragbar sei. So könne nicht davon ausgegangen werden, dass das, was die europäische Welt als Moderne der Entwicklung verstehe, auch als Endstadium der Entwicklung für andere Breitengrade zu erwarten wäre. 
  • Frieden würde dabei als eine Konstante angesehen werden, die durch einen linearen Zeitbegriff entstehen könne, wenn die Moderne bei Senghaas als friedensgenerierend beschrieben wird. Da der tatsächliche Inhalt des Friedensbegriffes  laut Organisationen wie Unesco jedoch immer von den Umständen in einer gegebenen Kultur abhänge, sei die Beschreibung von Frieden als universale Konstante und Ergebnis eines zeitlichen Stadiums wie der Modernisierung nicht besonders hilfreich. 
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