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Paranormal Activity - das "Echte" an der Geschichte

Die Wirksamkeit eines Horrorfilms wie "Paranormal Activity" liegt in der Diskrepanz von Realität und Übernatürlichem. Als Teil des Found Footage Horrorgenres will "Paranormal Activity" den Anschein erwecken, es handle sich bei den Filmaufnahmen um echte, die eine reale Geschichte erzählen, tatsächlich aber ist das nicht der Fall. Das "Echte" an Paranormal Activity und Co besteht allein in der Wahrnehmung des Zuschauers. Warum aber nimmt jener die Leinwandereignisse als derart echt wahr? Verantwortlich ist vor allem die Materialität der Filmaufnahmen, welche als moderne Authentizitätsstrategie des Genres bezeichnet werden kann.

Kameratechniken lassen Filme wie Paranormal Activity den Eindruck des Echten erwecken.
Kameratechniken lassen Filme wie Paranormal Activity den Eindruck des Echten erwecken.

"Found Footage" als Thema der Geschichte

Das "Echte" an Filmen wie Paranormal Activity ist der Eindruck der Echtheit, der schon außerfilmisch durch das Konzept erwirkt wird.

  • So beginnt die Authentizitätsstrategie schon mit der Genrebezeichnung. Die Filmgeschichte versteht "Found Footage" als einen Produktionsprozess, bei dem eine Partei etwas filmt, was von einer 2ten gefunden und geschnitten wird.
  • Mit textuellen Elementen überzeugt Found Footage Horror den Zuschauer, das Gesehene habe jenen Prozess durchlaufen - so in "Paranormal Activity" durch Textsequenzen, in denen der Filmemacher sich bedankt, die Aufnahmen verarbeiten zu dürfen.
  • Schließlich reißen die Aufzeichnungen mit dem Tod der Protagonisten ab. So wird einmal mehr Bezug auf den Found Footage Prozess genommen, denn mit dem Tod der Filmer muss jemand anderes die Bänder arrangiert haben. 
  • Durch außerfilmisches Viral Marketing wird zusätzlich durch Mundpropaganda ausgelöst, die verbreitet, es handle sich bei dem Film um eine "echte Geschichte". Die Story stützt das insofern, als dass u.a. Schauspieler die gleichen Namen tragen wie Protagonisten.

Filmische Mittel zur Unterstützung des "Echten"

Das "Echte" im Sinne des Dokumentarcharakters entsteht im Found Footage Horror durch amateurhafte Materialität der Aufnahmen. 

  • Die Kameraperspektive ist die dessen, der sie im Film führt. So verschmelzen Charakter, Kamera und Zuschauer, wobei alle Kamerabewegungen durch die Bewegungen eines Filmers motiviert sind, der selbst Teil der Geschichte ist.  
  • Beispielsweise manifestiert sich ein Erschrecken des innerfilmischen Filmers in Reißschwenks. Der Schock des Filmers über die grausige Situation um sich wird durch verwackelte Kamerabewegung codiert, sodass Einstellungen als spontane Reaktionen auf das Geschehene erscheinen. Dabei geraten entscheidende Elemente oft "out of focus" und das Framing schneidet Personen grundlos an, statt narrativ zu wirken. 
  • "Echtes" ist frei von narrativer Struktur. Found Footage Horror weist nun wie jeder Film Narration auf, jedoch stützt sich jene auf den Schein, nicht vorhanden zu sein, denn die Verwendung der Kameratechniken scheint nicht durch Narration begründet, sondern durch "spontane" Figurenbewegung.
  • Ferner wird auf Musik verzichtet und die Kolorierung wird - typisch Handkamera - schwach gehalten, um auf schlechte Aufnahmequalität hinzudeuten, was im Zuschauer Assoziationen zum Amateurvideo hervorruft und ihn ausschließen lässt, es handle sich um eine "Filmproduktion", welche sich doch bemühen würde, professionell zu wirken.

Wirksamkeit von Paranormal Activity

Dass Paranormal Activity so erfolgreich war, hat nicht nur mit Kameratechnik als Authentizitätsstrategie zu tun. Auch wird der Zuschauer von den Techniken in die Filmhandlung verwickelt.

  • "Paranormal Activity" baut auf einem Point-of-View-Wechsel auf: Ein Filmer übergibt an den Nächsten und ist wieder vor der Kamera sichtbar, wobei die Kamera teils sogar statisch im Raum positioniert wird, was eine Entsubjektivierung des Kameraobjekts meint.
  • Der Zuschauer identifiziert sich so erst mit den Figuren und wird dann über sie erhoben. Ist die Kamera abgestellt, so erlebt er die Situation nämlich unabhängig von deren Wahrnehmung. Dass man einen Film wie "Paranormal Activity" als direkter Beteiligter erlebt, geht so auf die Identifikation mit der Kamera zurück.
  • Im Spielfilm blendet man die Kameraexistenz aus. Im Found Footage Horror ist die Kamera nun Teil der filmischen Welt: Es wird sich auf sie bezogen und sie wird visualisiert, so in "Paranormal Activity", während einer Szene im Bad, als der Protagonist im Spiegel als Filmer auszumachen ist.
  • Gerade hat man sich noch als derjenige gefühlt, der die Kamera führt, nun sieht man im Spiegel den tatsächlichen Filmer, sodass man die Kameraperspektive plötzlich als eigene, von den Figuren unabhängige Wahrnehmung identifiziert, da der intradiegetisch Filmende von der Realität außerhalb des Frames in die Aufnahme hineingetreten ist.
  • Jenes Hineintreten überzeugt ferner, die filmische Realität setze sich außerhalb des Frames fort. Neben einem Kameramann, der im Frame erscheint, implizieren dies auch Voice Overs: Bei "Paranormal Activity" sind das auffällig viele, wobei der Gesprächspartner des Kameramanns direkt in die Kamera blickt, also in die Zuschauerrealität hinüber.
  • Die Kamera spielt auch für Dialoge des Films eine Rolle, da der Protagonist die Aufzeichnungen vorschlägt, während die Protagonistin sich gegen sie stellt. Weil der Zuschauer sich mit der Kamera identifiziert, ist jener Streit ein Streit um die Richtigkeit seiner Anwesenheit in der filmischen Welt.
  • Jene Selbstreferentialität  gipfelt im Moment, in dem die Kamera abgestellt wird, während der Protagonist sich seine Aufnahmen ansieht. Er wird zum Zuschauer, der in der Filmischen seine eigene Realität betrachtet, wobei die Kameraperspektive zur ungeteilten Perspektive des Publikums wird, die eine neue, filmische Realität aufzeichnet. Die Identifikation des Publikums mit den Aufnahmen selbst erreicht den Höhepunkt.
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