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Der Kaufmann von Gisze - Analyse

Hans Holbein der Ältere, Vater von Hans Holbein dem Jüngeren, gilt als einer der bedeutensten Maler überhaupt. Noch zu seinen Lebzeiten trat sein Sprössling in seine künstlerischen Fußstapfen und erarbeitete sich einen Namen als Renaissance-Künstler. Besonderer Bekanntheit erfreut sich in jenem Sinne sein Portrait des Kaufmannes von Gisze. Eine eingehende Analyse desselben zeigt, dass genau das gute Gründe hat.

Kunstanalyse bedarf Farb- und Kompositionsanalyse sowie Interpretation.
Kunstanalyse bedarf Farb- und Kompositionsanalyse sowie Interpretation.

Inhalt des Gemäldes

  • Holbeins Porträt zeigt den Kaufmann von Gisze in einem engen Raum an einem Tisch mit anatolischem Teppich sitzend. In seinen Händen befindet sich ein lesbarer Brief, auf dem Tisch liegen ein tintengeschwärzter Federkiel, ein Handstempel und eine zinnerne Schreibtischgarnitur, wobei eine Vase mit Blumen links vor dem Kaufmann erkennbar ist.
  • Es lassen sich ferner eine Reihe anderer Gebrauchsgegenstände ausmachen, unter anderem ein Set aus Schatullen mit Goldmünzen, eine Wachsrolle und eine Dokumentenmappe sowie eine Münzwaage und eine Dosenuhr.

Farblicher Aufbau des Porträts

  • Für eine Analyse des Gesamtkunstwerkes ist zunächst eine farbliche Teilanalyse anzustreben. So setzt Holbein für die Darstellung gedeckte, eher dunkle und wenn auch warme, doch wenig reine Farben mit niederer Leuchtkraft ein.
  • Dominanzfarben des Bildes sind ein gräuliches Grün und ein bräunliches Rot, wobei Farbe quantitativ begrenzt eingesetzt wird und nicht in ihrer Reinform auftritt, sondern in Gebrochenheit. 
  • Eine Ausnahme zur Gedecktheit des Porträts bildet das Gewand, welches in glanzvollem Hellrot gehalten ist. In der Gedecktheit des Raumes hebt sich die Bekleidung so hervor, wobei jener Farbeinsatz als aufmerksamkeitslenkend und Status implizierend bezeichnet werden kann, da er den Kaufmann in einen prunkvollen Schein setzt. 
  • Das Hellrot der Kaufmannsbekleidung steht ferner in Kontrast zu dem Grün der Wände. Es handelt sich dabei um einen Komplimentärkontrast, folglich um den höchstmöglichen Farbkontrast überhaupt. Der Kaufmann wird damit aus der dunklen Sattheit des Raumes hervorgehoben, wobei die Farbwahl des Bildes trotz jenes Kontrastes insgesamt das Gefühl von Harmonie vermittelt.
  • Qualitativer Farbkontrast ist in dem Porträt also bedingt gegeben, da das glänzende und leuchtende Hellrot des Gewandes einen Qualitäts- und Intensitätskontrast zum abgetönten Restbild bildet, wobei sich die Farbe des Gewandes in den Nelken widerspiegelt.
  • Lichtquelle des Porträts liegt erhöht rechts außerhalb des Raumes, was sich durch den dunklen Schatten des Kaufmannes bemerkbar macht. Zudem spiegelt sich das Licht auf der Satinbekleidung des Mannes, was sein "Scheinen" hervorhebt. 
  • Betrachtet man die malerischen Mittel, kann ein fester Pinselstrich festgehalten werden, der die Flächen bis hin zur Perfektion füllt, wobei stoffliche Unterschiede wie das Satin der Kaufmannsbekleidung detailliert herausgearbeitet wurden. Die Technik ist undurchsichtig, der Pinselstrich lässt sich an den Flächen also nicht mehr nachvollziehen. 

Bildkomposition im Kaufmann von Gisze

  • Bei der Analyse des Bildraumes fällt ins Auge, dass der Kaufmann sich in ein gleichschenkliges Dreieck einbeschreiben lässt, dessen Spitze den Mittelpunkt des Bildes bildet. Auch Vase und beispielsweise Tisch lassen sich durch Dreiecke fassen.
  • Demgegenüber stehen die parallelen Holzbalken an den Wänden, die das Mittelpunktsdreieck in 3 etwa gleich große Teile spalten. Der Kaufmann könnte also genauso in ein Viereck gefasst werden, welches durch Uhr, Waage und Holzbalken umschrieben wird.
  • Will man den Fluchtpunkt des Raumes festlegen, lässt sich erkennen, dass proportionale Ungenauigkeiten bestehen. Beispielsweise ist die Nase des Kaufmannes nicht verkürzt und der Raum trifft sich nicht im rechten Winkel.
  • Einer besonderen Bedeutung misst die Komposition der Uhr bei, da jene sich in dem eigentlichen Fluchtpunkt befindet. Auch die Nelke in der Vase ist kompositionell bedeutungsträchtig, da der Fluchtpunkt des Kaufmannes Augen sich direkt mit ihr trifft.

Interpretation auf Basis der Analyse

  • Holbeins Farbführung und realistische wie detailreiche Darstellungsweise orientiert sich an den Traditionen der flämischen Porträtmalerei wie an denen der italienischen Renaissance. 
  • In den Gebrauchsgegenständen über dem Bildraum wird die Natur des Kaufmannes als erfolgreicher und vertrauenswürdiger Geschäftsmann manifestiert, wobei Accessoires wie der Teppich seinen Prunk wiedergeben.
  • Ähnlich kann das hervorstechende Satinoberteil interpretiert werden, das den Kaufmann als Person "scheinen" lässt. Jedoch handelt es sich dabei womöglich mehr um Schein als Sein. 
  • So deutet der unstimmige Bildraum an, dass in der Welt des Kaufmanns alles anders ist, als es  wirkt. Mochte seine Welt auch prunkvoll leuchten, so war sie in sich doch weniger stabil und perfekt, als zunächst wahrnehmbar: u.a. scheint sie ihn nach Bildkomposition sogar beengt zu haben.
  • Die Disharmonie von tatsächlich und scheinbar manifestiert sich ferner im Komplementärkontrast der Dominanzfarben, welcher die Farbharmonie des Gemäldes infrage stellt.
  • Die kompositionellen Elemente Nelken und Uhr können als christliche Symboliken umgeben von der des gleichseitigen Dreiecks und zusammen mit des Kaufmanns Schatten auf die Vergänglichkeit, die Angst vor dem Sterben und den Willen zur Auferstehung hindeuten. Die perfekte Welt ist nicht für immer zu halten und ihre Vergänglichkeit war dem Kaufmann von Gisze bewusst.
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