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Regressive Gewalt - Definition

Gewalt ist niemals eine Lösung. Und doch wird sie allzu gerne für eine solche gehalten. Die Sozialisationsforschung beschäftigt sich mit der Motivation und der Entstehung von Gewaltakten. Festgestellt wird dabei vor allem ein Ursprung: Aggression ist eng an Unsicherheit geknüpft, ebenso ist es regressive Gewalt. Dieser Ausdruck geht auf Heitmeyer zurück und hat seinen Ursprung im Lateinischen.

Gewalt ist Heitmeyer zufolge stets ein Kompensationsversuch von Unsicherheit.
Gewalt ist Heitmeyer zufolge stets ein Kompensationsversuch von Unsicherheit.

Regressive Gewalt - Etymologie und Definition nach Heitmeyer

  • Das Adjektiv "regressiv" stammt von dem lateinischen Wort "regressus" ab. Wörtlich übersetzt bedeutet das lateinische Substantiv so viel wie "Rückgang" oder "Rückkehr". Im Deutschen ist das lateinische Lehnwort mit seiner ursprünglichen Bedeutung erhalten. "Regressiv" kann demzufolge mit "rückläufig" oder "abflauend" wiedergegeben werden.
  • Spricht man von regressiver Gewalt, dann ist die lateinische Grundbedeutung von "regressus" darin noch immer angedeutet. Da es sich bei dem Terminus aber um einen wissenschaftlichen - in diesem Fall soziopsychologischen - handelt, ist seine Bedeutung etwas weiter gefächert und soll Forschern zufolge auf die Identitätssuche des Menschen zurückgehen.
  • Die Forschung beschreibt die Identitätssuche als Versuch, allen Unsicherheiten zu entkommen. Während in der Vormoderne die geografische Zugehörigkeit und der gesellschaftliche Stand die Identität vorgaben, hat sich diese Vorgabe mittlerweile so gut wie aufgelöst; die Frage nach dem Selbst und dessen Zugehörigkeit ist immer schwieriger zu beantworten. Während dieses immer schwierigeren Versuchs, die eigene Identität zu finden, soll Gewalt eine häufige Entscheidung sein.
  • Gewaltentscheidungen seien während der Unsicherheit über die eigene Identität vor allem deswegen eine gern genommene Alternative, weil sie dem Individuum momentan zu mehr Eindeutigkeit verhelfen, weil sie kurzweilig aus der Ohnmacht der Unsicherheiten befreien und weil sie häufig mit Gruppensolidarität einhergehen.
  • Der Begriff der regressiven Gewalt wird vor allem in diesem Zusammenhang verwendet. Drei Formen der Gewalt als Kompensationsversuch von Verunsicherung werden nach Heitmeyer unterschieden: die expressive, die instrumentelle und die regressive Gewalt.
  • Letztere beschreibt Heitmeyer als politisch motiviert und gegen Minderheiten gerichtet. Sie dient dem Gewaltausübenden als ethnischer Überlegenheitsausdruck, wobei rassebedingte Unsicherheiten und Unterlegenheiten über sie kompensiert werden sollen.

Um Ihnen den Terminus noch näher zu bringen, kann ein Beispiel aus dem realen Leben herangezogen werden.

Einwanderungswelle Ostblock als Beispiel für regressive Gewaltakte

Regressive Gewalt spielt sich in einer ethnisch-politischen Sphäre ab. Als Beispiel kann die deutsche Einwanderungspolitik dienen. 

  • Deutschland ist seit Jahrzehnten Einwandererland. Eine der nennenswertesten Einwanderungsrichtungen ist die von Ost nach West. Nachgesagt wird der Einwanderungswelle aus dem Ostblock innerhalb Deutschlands Problembehaftung im Sinne von Straffälligkeit und Aggression. 
  • Mangelnde Integration und mangelnder Wille zu selbiger waren diesbezüglich jahrelang medienrelevantes Thema. Jugendliche aus den Oststaaten sammeln sich in geschlossenen Gruppen, so will man beobachtet haben. Einer Annäherung an diese Gruppen von außen werde mit Aggression begegnet.
  • Heitmeyer erklärt die beobachteten Gewaltübergriffe mit dem Phänomen der regressiven Gewalt. Die ethnische Minderheit der Ostjugendlichen in Deutschland kaschiert eigene Unsicherheiten in der "fremden Welt" demnach durch Gewaltakte, um sich einen Status ethnischer Überlegenheit zu sichern, der auf andere Weise wegen mangelnder Integration versagt bleibt.
  • Die Jugendlichen befinden sich in der Fremde. Sie hängen zwischen zwei Welten - dem Mutterland und dem Einwanderungsland. Das eine ist neu für sie, das andere wird ihnen mit den Jahren im neuen Land immer fremder. Schließlich fühlen Sie sich weder dem einen noch dem anderen mehr zugehörig. Diese Unsicherheit und die ethnische Identitätslosigkeit sind in diesem Fall Heitmeyers Aggressionsmotiv. 

Aggression muss jedoch nicht zwingend der Ausgang der beschriebenen Unsicherheit sein. Heitmeyer beschreibt neben Aggression und Ohnmacht den konstruktiven Umgang mit Unsicherheiten als einen ebenso möglichen Weg. In einer Klausur sollten Sie diesen Punkt nicht außer Acht lassen. Sonst wird aus Ihrer Ausführung schnell ein Sumpf der Vorurteile.

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