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Das Findelkind - Zusammenfassung

Der Franzose Didier van Cauwelaert beginnt seine schriftstellerische Karriere 1982, als er mit seinem Debütroman "Vingt ans et des poussières" die Literaturkritiker begeistert. Über 10 Jahre später erscheint "Das Findelkind". In Zusammenfassung ein Roman, mit dem er Sie auf die Reise hinter Marseilles Fassade, nach Marokko und in Ihr eigenes Inneres einlädt.

Van Cauwelaerts "Findelkind" spielt in den Schatten von Marseilles Fassade.
Van Cauwelaerts "Findelkind" spielt in den Schatten von Marseilles Fassade.

Didier van Cauwelaert - Zusammenfassung der wichtigsten Eckdaten

​Didier van Cauwelaert wird 1960 in Nizza geboren.

  • Im Alter von 22 Jahren veröffentlicht er seinen Debutroman "Vingt ans et des poussières". Seine Folgeromane, wie "Poisson d’amour" oder "Grüße eines Engels" begeistern die Kritiker und werden in verschiedene Sprachen übersetzt.
  • Nebenher schreibt van Cauwelaert Theaterstücke und entwirft Comics. Seine Theaterneigung und sein Comicinteresse beweist er schon 1986 mit Veröffentlichungen, wie "Die Ferien des Phantoms. Eine Verwandlungskomödie"
  • Zu international weiterer Bekanntheit verhelfen dem Sohn einer belgischen Familie tiefgreifende Romane, wie "Evangelium nach Jimmy" und "Solange du mich liebst". 
  • 1994 erhält er für "Das Findelkind" den renommierten Autoren-Preis Prix Goncourt - als einen von mehreren anerkannten Preisen seiner Karriere. 
  • 2009 ist er wegen einer Kandidatur für die französische Akademie der Künste in aller Munde. Der Schriftsteller und Dramaturg muss sich damals aber seiner hochtrabenden Konkurrenz geschlagen geben.

Das ändert nichts daran, dass van Cauwelaerts Werke mit Außergewöhnlichkeit punkten und sich lesen, wie stille Gedichte von intimem und ganz persönlichem Stil. In diesem Rahmen des Außergewöhnlichen faltet der Franzose Themen aus, die jeden betreffen. Ein treffendes Beispiel dafür ist sein bekanntester Roman "Das Findelkind".

​Inhaltsangabe - "Das Findelkind" irgendwo dazwischen

Van Cauwelaert erzählt in seinem 198 Seiten starken Werk von der Identitätssuche des jungen Aziz.

  • Ein Zigeuner drängt dessen Eltern von der Straße und sie verunglücken bei diesem Verkehrsunfall tödlich. Im Auto findet Zigeuner Vasile den Jungen. Er geht von einem Zeichen des Himmels aus, tauft den Waisen Kemal und nimmt ihn zusammen mit seiner Frau Mamita auf.
  • Der Junge wächst unter Zigeunern auf, lebt deren Leben und soll zum professionellen Autoradiodieb ausgebildet werden. Die umfassende Integration in die Gruppe gelingt ihm als "Fremder" aber nie. Aus praktischen Gründen besorgt die Gruppe für ihn einen marokkanischen Pass, der deutlich preisgünstiger ist als Dokumente anderer Länder. Das Leben des Jungen ist an jeder Ecke von Zwiespalt geprägt, denn er kann sich nicht entscheiden, mit welcher Kultur er sich identifizieren möchte.
  • Früh bricht er die Schule ab. Obgleich er gerne Schüler war, bleibt in seinem Gaunerleben keine Zeit mehr für die Schulbank. Als er mit 19 Jahren seine Verlobung feiert, verhaftet man ihn zu Unrecht wegen eines vorgeworfenen Diebstahldelikts. Aufgrund der "erkauften" marokkanischen Staatsbürgerschaft will man den Jungen nach Marokko abschieben.
  • Um die französische Gesellschaft von der Humanität dieses Vorhabens zu überzeugen, inszenieren Medien und öffentliche Stellen seine Abschiebung als Großereignis. Jean-Pierre Schneider steht ihm als Sozialhelfer zur Seite, der ihm bei der Eingliederung in die marokkanische Welt helfen soll. Jean-Pierre hat aber selbst Probleme, denn sein Vorgesetzter verführt seine Frau.
  • Die beiden Männer reisen nach Marokko, wo Aziz dem Sozialhelfer versichert, er stamme aus einem unbekannten Dorf im Atlasgebirge. Die ehemalige Reiseleiterin Valerie soll die beiden dorthin begleiten. Die selbstbestimmte und durchsetzungsstarke Frau weiß, dass Aziz das genannte Dorf nur erfunden hat. Sie ignoriert dieses Faktum aber und zeigt den beiden Männern die atemberaubende Natur Marokkos.
  • Jean-Pierre beginnt unterdes, Notizen über Aziz zu verfassen. Er möchte einen Roman über den Jungen schreiben und damit seine Frau zurück erobern. Valerie verführt bald sowohl Aziz, als auch Jean-Pierre, der kurz darauf einer unbehandelten Krankheit erliegt.
  • Nach seinem Tod verwendet Aziz dessen Notizen, um den begonnen Roman zu Ende zu schreiben. Er überführt die Leiche des Franzosen nach Lothringen, wo er dessen Eltern kennenlernt. Ihnen berichtet er, Jean-Pierre sei bei einer Entführung verstorben. Er übergibt ihnen den Roman, wofür die beiden überaus dankbar sind. Sie nehmen den Jungen schließlich auf und lassen ihn das Leben ihres verstorbenen Sohnes weiter leben.

Interpretation - Identitätssuche und Freiheit als zentrale Begriffe

Didier van Cauwelaerts Buch überzeugt durch eine Mischung aus inhaltlichem Tiefgang, sowie stilistisch tiefer Ironie und Wort- oder Situationswitz.

  • Eines der zentralsten Elemente der obigen Zusammenfassung ist der Rollentausch von Jean-Pierre und Aziz. Der vermeintlich unerfahrene 20-Jährige wird auf der gemeinsamen Reise zum Beschützer des Mannes, der eigentlich ihn beschützen sollte. Verlust ist das verbindende Element zwischen den beiden Männern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
  • Während Aziz durch die Abschiebung gerade seine Familie und vermeintliche Heimat verloren hat, hat Jean-Pierre mit dem Verlust seiner Frau an seinen Arbeitgeber zu kämpfen. Aziz kompensiert seine eigenen und eigentlich noch heftigeren Verluste dadurch, dass er Jean-Pierre bei der Rückgewinnung seiner Frau durch den geplanten Roman hilft. Jean-Pierres Buchplan wird so zur Heimat für ihn und Aziz. Liebe zu anderen und Unterstützung für andere wird zu einem befreienden Element.
  • Lebensfreude, Lebensmut und Freiheit sind weitere Eckelemente der Geschichte. Lebensfreude und Lebensmut behält Aziz trotz seines schweren Schicksals, während Jean-Pierre sie erst durch den Kontakt mit Aziz wiederentdeckt. Freiheit zeichnet seit jeher das Leben von Aziz aus, was ihn zur Bewahrung des Lebensmuts befähigt. Das aber erst wirklich, als er auf der Reise lernt, seine Freiheit als eine "Freiheit zu" statt eine "Freiheit von" wahrzunehmen.
  • Er ist seit Anbeginn der Geschichte "identitätslos". Diese Identitätslosigkeit empfindet er zu Anfang als eher quälende "Freiheit von Identität und Heimat", da er sich so nicht vollständig in Gemeinschaften integrieren kann. Die Reise nach Marokko ist für ihn eine Reise in sich selbst, auf der er sich unabhängig von allem kennenlernt.
  • Dadurch lernt er die positive Seite der Identitätslosigkeit kennen. Frei von einem festen Rahmen der Identität und Erwartung anderer entdeckt Aziz die "Freiheit" zu sein, wer und was auch immer er möchte. Er sucht sich aus, wer er ist und bringt es so zu einem persönlichen Happy End.
  • Valerie tritt als Gegenstück zu den beiden "suchenden" Männern in Erscheinung. Sie hat gefunden, was sie sucht und weiß genau, wie sie es bekommen kann. Ihr Vorbild färbt sowohl auf Jean-Pierre, als auch auf Aziz ab.
  • Die Reise, die die beiden Männer unternehmen, ist in Zusammenfassung eine metaphorisches, an deren Ende sie in sich ankommen. Erst die vollständige Loslösung und das Loslassen bringt Aziz ans Ziel - zu sich selbst und in den Kreis einer liebenden Familie.

Der Roman ist damit eine Geschichte, wie sie jedes Leben schreibt gesetzt in den Rahmen des Außergewöhnlichen. Sie lachen beim Lesen. Sie werden sich eine Träne verkneifen und Sie lernen sich selbst im Idealfall besser kennen. So sollte gute Literatur aussehen.

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