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Mehr als nur Peitsche - die Philosophie de Sades

De Sade war mehr als ein "Sadist" - er befasste sich auch mit der Philosophie.
De Sade war mehr als ein "Sadist" - er befasste sich auch mit der Philosophie.
Nicht erst seit der "Shades of Grey"-Reihe, die Sie sicher kennen, ist der Marquis de Sade in aller Munde - schließlich wurde nach ihm der Sadismus benannt. Doch anders als sein Image impliziert, war de Sade mehr als ein brutaler Lustmolch mit Peitsche, denn er betrieb eine geradezu messerscharfe Philosophie.

Unauffällig - der frühe Marquis

Donatien Alphonse François de Sade - das ist der Name, unter dem der berühmte (oder vielmehr berüchtigte) Marquis im Jahre 1740 in Paris geboren worden ist. Wie sein Titel bereits vermuten lässt, gehörten seine Eltern und somit auch er dem Adel an und er hatte trotz einiger Geldprobleme des Elternhauses eigentlich die besten Grundvoraussetzungen. Zunächst sah auch alles danach aus, aus würde das Leben des jungen Adligen in geregelten Bahnen verlaufen. So ging er, was damals durchaus üblich war, zum Militär, kämpfte im Siebenjährigen Krieg und erlangte dort einige Ehrungen. Zurück in der Heimat heiratete er und hätte sich nun eigentlich an die Familienplanung machen können. So weit, so unauffällig. Doch wie Sie sicher bereits vermuten, kam dann alles anders.

Skandalös - der spätere Sade

Durch die Heirat mit René Pélagie Montreuil bekam der Marquis de Sade vor allen Dingen eines: den Reichtum, der ihm in seiner eigenen Familie verwehrt geblieben war. Das viele Geld fiel bei ihm auf fruchtbaren, aber fragwürdigen Boden, denn er begann nun einen ausschweifenden und skandalträchtigen Lebensstil. Er betrachtete sich selbst als Libertin, trieb die damit verbundenen Grundsätze allerdings auf die Spitze und genehmigte sich fortan einfach alles, wonach ihm der Sinn stand. Das Erniedrigen und Auspeitschen von Frauen, teils auch unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln, gehörte dazu - der Sadismus war geboren. Sade verbrachte fortan einen Großteil seines Lebens im Gefängnis, wo er sich dem Schreiben widmete. So entstanden seine oft verbotenen Werke, wie beispielsweise "Die 120 Tage von Sodom" oder auch "Justine". Eines seiner Bücher hört auf den Titel "Die Philosophie im Boudoir", was schon vermuten lässt, dass es bei ihm nicht immer nur um Porno, Pein und Peitschen ging. Doch welche Philosophie verfolgte de Sade und was waren seine wichtigsten Aussagen?

Die kalte Vernunft - Grundlage von de Sades Philosophie

  • Die philosophischen Ansätze des Marquis fußen auf einer einfachen Annahme, die er dann sogleich falsifiziert. Die Annahme lautet: "Der Sexualtrieb ist der letzte wirklich persönliche Teil unserer Existenz". Sade ist der Auffassung, dass der Trieb eigentlich überhaupt nichts Subjektives sei, da er schließlich allen Lebewesen gemein sei.
  • Basierend auf dieser Annahme hinterfragt Sade den wahren Wert des Ich. Er glaubt, die Tatsache, dass nicht einmal die als so privat gedachte Sexualität wirklich privat sei, spreche für eine Bedeutungslosigkeit des Selbst. Das wirklich Bedeutsame am Menschen, so Sade, sei das Bewusstsein.
  • Das Bewusstsein sei nun in der Lage dazu, den Trieb zu instrumentalisieren und zu steuern. So sollte das Sexualleben zu einer Art Choreografie werden, den Genuss daran verschafft nur ihre Perfektion. Dieser Standpunkt erklärt, weshalb die Sexualhandlungen in seinen Büchern stets einen kalten, durchgeplanten Charakter vorweisen.
  • Natürlich verfolgt er mit dieser Ansicht einen Hintergedanken. Er lebte ja in der Zeit der Aufklärung, in der die Vernunft rein und asketisch sein sollte. Sein Bild vom entfesselten Bewusstsein, das den Sexualtrieb steuert, war nun ein Gegenentwurf, der seiner Gesellschaft den Spiegel vorhielt. Er war kein großer Freund ebendieser und wollte praktisch sagen: "Euer höchstes Gut, die Vernunft, ist nicht so vernünftig und unschuldig, wie ihr glaubt. Sie ist die Quelle aller unmoralischen Taten."
  • Die Schlüsse, die Sade in seiner Philosophie daraus zog, waren in der damaligen Zeit absolut ungeheuerlich: Wenn das Bewusstsein die Triebe steuert, dann sind den Trieben keine Grenzen mehr gesetzt, denn alles ist vorstellbar, und was vorstellbar ist, ist auch ausführbar. Daraus folgte sein wichtigster Leitsatz: Alles ist möglich, alles ist erlaubt.
  • Aber warum sollen die Dinge, die möglich sind, auch erlaubt sein? Hier führte der Marquis eine neue Annahme ein, und zwar behauptete er, dass Moral und Mitleid nicht der Vernunft entstammen können, da sie nicht logisch sind. Vielmehr seien sie der Versuch der Schwachen, den kalten Verstand zu überlisten. Er hingegen fand es widernatürlich, sich von Regungen wie Mitleid an den Dingen hindern zu lassen, die theoretisch möglich (und somit auch erlaubt) sind.
  • Nun, da er klargestellt hatte, dass das Bewusstsein zu allem fähig ist, versuchte er, den Antrieb zu finden, aus dem heraus die Vernunft überhaupt aktiv werden sollte. Hier kam er zu dem Schluss, dass die Libido, die die Vernunft inspiriert, immer weiter zu denken, der Antrieb für alles ist. Und von genau diesem Ansatz hat sich viele Jahre später kein Geringerer als Sigmund Freud inspirieren lassen.

Mit seiner negativ gemünzten Philosophie wurde Sade also zur Inspirationsquelle für den bekanntesten Psychoanalytiker überhaupt. Allein schon deswegen lohnt es sich, seinen philosophischen Ansatz weiterzuverfolgen. Dies können Sie besonders gut tun, indem Sie das erste Drittel der "Philosophie im Boudoir lesen" - hier finden Sie spannende Sophismen voll sadianischer Schlagkraft.

helpster.de Autor:in
Sarah Müller
Sarah MüllerSarah hat Sozialwissenschaft studiert und sich dadurch mit Kultur auseinandergesetzt. Dabei lernte sie auch technische Themen kennen. Sie hat zu Ernährung und Sport geforscht.
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