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Ist eine Fledermaus gefährlich?

Desmodus rotundus - kein blutrünstiger Killer, aber auch nicht ganz harmlos.
Desmodus rotundus - kein blutrünstiger Killer, aber auch nicht ganz harmlos.
Wer kennt sie nicht, die schaurigen Gruselgeschichten über blutrünstige Vampire wie den berühmten Graf Dracula aus dem rumänischen Siebenbürgen? In Gestalt einer Fledermaus sollen sie nachts umherfliegen und sich ihre ahnungslosen Opfer aussuchen, die sie dann mit einem Biss in den Nacken aussaugen, sodass diese selbst zu einem Fürst der Nacht werden oder einen grausamen Tod sterben müssen. Wie viele Legenden, haben auch die Schauermärchen über Vampire einen wahren Kern. Fledermäuse gibt es nämlich tatsächlich. Aber sind die Fledertiere auch gefährlich?

Überblick über die Familie der Fledertiere

Mit rund 1100 Arten stellen die Fledertiere (Chiroptera oder Handflügler) nach den Nagern (Rodentia) die artenreichste Ordnung der Säugetiere dar. Zu ihr zählt man zwei Unterordnungen:

  • Die Flughunde (Megachiroptera) sind in tropischen und subtropischen Regionen verbreitet. Sie ernähren sich meist von Früchten. Mit wenigen Ausnahmen verfügen die Flughunde nicht über ein Echolotsystem.
  • Die Fledermäuse (Microchiroptera) bewohnen bis auf die Antarktis, die arktische Region und einige Inseln, nahezu die gesamte Welt in fast alle Klimazonen. Die meisten von ihnen ernähren sich von Insekten und verfügen über ein Echoortungssystem. Einige Arten ernähren sich von Früchten, andere von Nektar und Fischen. Nur drei Arten - der Gemeine Vampir (Desmodus rotundus), der Weißflügelvampir (Diaemus youngi) und der Kammzahnvampir (Diphylla ecaudata) - ernähren sich tatsächlich von Blut.

Die Fledermaus als Nützling

Ihre meist nachtaktive Lebensweise und das gespenstische Aussehen führten dazu, dass Fledertiere mit schwarzer Magie assoziiert wurden. Ihr großer Nutzen wurde dabei häufig übersehen:

  • Als Insektenfresser spielt die Fledermaus eine nicht zu unterschätzende Rolle als natürlicher „Schädlingsbekämpfer“. Sie verzehren auch unliebsame Kerbtiere wie Mücken oder Motten.
  • In den Tropen gibt es eine Reihe von Fledermäusen, die sich fast nur vom Nektar der Pflanzen ernähren. Dabei nehmen sie Blütenpollen auf, übertragen diesen bei der weiteren Nahrungssuche auf andere Blüten und tragen so zur Bestäubung dieser Pflanzen bei. Diese Cheropterogamie genannte Art der Fortpflanzung, machen sich zum Beispiel Affenbrotbäume, Bananen oder Kapokbaum zu Nutze.
  • Flughunde und früchtefressende Fledermäuse, wie Fruchtvampire (Stenodermatinae), zu denen auch die skurrile Weiße Fledermaus (Ectophylla alba) zählt, helfen bei der Verbreitung von Pflanzen (Chiropterochorie). Mit den Früchten nehmen sie die unverdaulichen Samen auf, die sie später wieder ausscheiden und mit ihrem stickstoffhaltigen Kot gleichzeitig optimal düngen.
  • Der Kot von Fledermäusen ist ähnlich zusammengesetzt wie der von Reptilien und Vögeln und reich an der stickstoffhaltigen Aminosäure Guanin. Er kann als zum Düngen von Pflanzen verwendet werden.
  • Der Speichel von Desmodus rotundus enthält unter anderem das Enzym Desmoteplase, das die Blutgerinnung hemmt. In der Medizin könnte Desmoteplase zur Herzinfarktbehandlung oder als Gerinnungshemmer im Rahmen einer Schlaganfallvorsorge Verwendung finden.

Wann wird es gefährlich?

Sie sehen, der Ruf der Fledermaus ist bei Weitem nicht so schlecht wie es ihr nachgesagt wird. Trotzdem kann sie auch manchmal gefährlich werden.

  • Eine Vampirfledermaus ist so klein, dass die dem Wirt entnommene Menge an Blut problemlos ausgeglichen werden kann. Auch wenn die Blutentnahme selbst kein Problem darstellt, über die Bissstelle kann es im Nachhinein zu Wundinfektionen kommen, die im schlimmsten Fall zu einer Sepsis („Blutvergiftung“) führen können.
  • Die Vampirfledermaus spielt als Überträger von Krankheiten eine Rolle. So werden Pferde in Süd- und Mittelamerika durch Bisse des Gemeinen Vampirs mit „Murrina“, einer Pferdeseuche, infiziert. Auch das Tollwutvirus kann übertragen werden. Weitere Erreger, mit denen sich der Wirt infizieren kann, sind Trypanosomen, zum Beispiel Trypanosoma cruzi, Verursacher der Chagas-Krankheit. Die Verluste in den Tierbeständen verursachen jährlich wirtschaftliche Schäden, die sich, entsprechend einer 1988 publizierten Studie, auf bis zu 40 Millionen US-Dollar belaufen.
  • Wird ein Mensch von einem Vampir gebissen, kann es gefährlich werden. Als Überträger der Tollwut rufen Vampirfledermausbisse immer wieder Todesfälle hervor. So starben 2004 in Brasilien 22 Menschen an Tollwut nach Bissen durch Fledermäuse. Auch in Europa sind einige durch heimische Fledermausarten herbeigeführte Fälle von Tollwut bekannt geworden. Es handelt sich hierbei um Einzelfälle, sodass eine systematische Bekämpfung von Fledermäusen nicht nötig ist.
  • Ebenso können Flughunde als Überträger von Krankheiten bedeutend sein. Der Nilflughund (Rousettus aegyptiacus) wird als Ursprungswirt des Ebolavirus diskutiert. Die Tiere selbst sind an die Erreger angepasst. Durch Verzehr von infizierten Flughunden könnte das Virus auf den Menschen überspringen, der als Fehlwirt bedeutend anfälliger ist. Immer wieder kommt es daher in Zentral- und Westafrika zu Ebola-Epidemien, wie 2014 in Guinea, Sierra Leone, Liberia und Nigeria.

Die Mär vom gefährlichen Vampir

Was lernen Sie daraus? Den Ruf des gefährlichen Killers trägt die Fledermaus völlig zu Unrecht. In Europa sind Fledermäuse harmlose Gesellen, die darüber hinaus großen Nutzen haben. Umso verwunderlicher ist es, dass längst nichts mehr für den Schutz der Fledertiere getan wird, denen vor allem der zunehmende Verlust des Lebensraums zusetzt. Dabei ist es gar nicht so schwer, den eigenen Dachboden fledermausgerecht auszubauen. Versuchen Sie es doch einmal!

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