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Verkitscht und verkindlicht? - Disneys Literaturvorlagen

Bisweilen wird der Walt Disney Company der Vorwurf gemacht, ihre Filme seien inadäquate, kitschige oder verkindlichte Darstellungen ursprünglich ernst zu nehmender Literaturklassiker. Ein Blick auf verwendete Literaturvorlagen und ihre Interpretation durch Disney kann Aufklärung bringen.

Disneys Schneewittchen - nur für Kinder?
Disneys Schneewittchen - nur für Kinder?

"Walt Disney Meisterwerke" - Klassiker auf die Leinwand gebracht

Insbesondere Disneys Kinoproduktionen, die von der Walt Disney Company (WDC) unter der Sammelbezeichnung "Walt Disney Meisterwerke" geführt werden, greifen unterschiedlichste Literaturvorlagen, darunter Volksmärchen, Sagen, Kinderbuchklassiker oder auch ernste Romane auf. Beginnend mit "Schneewittchen und die sieben Zwerge" aus dem Jahr 1937 präsentieren sich diese Klassiker farbenfroh, begleitet von Musik sowie niedlichen und sprechenden Tieren, während den Helden gekünstelte, unsympatische Typen oder düstere, angsteinfößende Antagonisten gegenüberstehen. Was unter der Marke Disney aus den Geschichten des allgemeinen Kulturguts geworden ist, soll das folgende Beispiel zeigen.

Unterschiede zwischen Märchen und Zeichentrick

Der erste abendfüllende Zeichentrickfilm der WDC, "Schneewittchen und die sieben Zwerge", greift eines der wohl bekanntesten, durch die Brüder Grimm kompilierten Volksmärchen auf und lässt die schöne Prinzessin, die zuvor schon zu niederer Arbeit degradiert wurde, vor ihrer Hexen-Stiefmutter in den Wald fliehen, wo sie, von Tieren dorthin geführt, im Haus der sieben Zwerge Unterschlupf findet und sich fortan um deren Haushalt kümmert. Später wird sie zunächst von Ihrer Stiefmutter vergiftet, die bei der Flucht vor den sieben Zwergen ums Leben kommt, und schlussendlich von einem Prinzen wach geküsst und zur Frau genommen. Im Vergleich zur Originalfassung der Gebrüder Grimm gibt es folgende wichtige Unterschiede:

  • Der symbolische Anfang des grimmschen Märchens, bei dem sich die Königin im Fenster aus Ebenholz sitzend sehnlichst ein Kind wünscht, als sie sich beim Nähen in den Finger sticht, sodass drei Tropfen Blut in den Schnee fallen, wird bei der Disney-Version komplett ausgespart. Schneewittchen wird hier als Magd der Stiefmutter vorgestellt, die sich singend ein anderes Leben wünscht.
  • Während die Gebrüder Grimm Schneewittchens Stiefmutter lediglich als schön, aber eitel und böse beschreiben, ist diese in der Disney-Version eine bösartige Hexe, die mit Raben, Totenschädel und Zauberbuch dargestellt wird. Letztendlich legt der auch schon in der ursprünglichen Fassung beschriebene magische Spiegel eine solche Interpretation nahe.
  • Nachdem Schneewittchen von dem barmherzigen Jäger laufen gelassen wird, wird es in der Disney-Version von den Tieren des Waldes zum Haus der Zwerge geleitet. Die Tieraffinität Schneewittchens spielt bei Walt Disney eine dominante Rolle, da sie (wie auch in anderen Filmen) die Gutheit der Prinzessin unterstreicht.
  • Während die grimmschen Zwerge penibel ordentlich erscheinen, da sie kleinste Veränderung in ihrem Heim bemerken, findet Disneys Schneewittchen ein verwahrlostes Haus vor, das es zunächst wieder in Ordnung bringt. Diese Handlung scheint ihr die langfristige Gastfreundschaft der Bewohner zu garantieren, obgleich auch die Zwerge durchaus angetan sind von Schneewittchens Schönheit.
  • Anders als in der grimmschen Version fällt Disneys Schneewittchen schon beim ersten Vergiftgungsversuch der bösen Stiefmutter leblos auf den Boden.
  • Während die Stiefmutter im Volksmärchen zunächst am Leben bleibt, stürzt diese, während sie von den Zwergen verfolgt wird, in der Disney-Version in ihren Tod. Bei den Gebrüdern Grimm glaubt die Stiefmutter, sie hätte sich des Schneewittchens entledigt, bis sie zu einer Hochzeit eingeladen wird und in der Braut des Prinzen ihre Stieftochter erkennt. Zu diesem Anlass muss die böse Stiefmutter in glühenden Eisenschuhen tanzen, bis sie tot umfällt.

Schneewittchen - eine grimmsche Light-Version?

Obgleich einige, auch wesentliche Abänderungen des Originalmärchens für den Disney-Zeichentrickfilm vorgenommen wurden, stellt die Disney-Version nicht unbedingt eine verkitschte oder verkindlichte Light-Version dar. Zwar ist Disneys "Schneewittchen und die sieben Zwerge" deutlich bunter und trennt ganz klar zwischen Gut und Böse (z. B. indem Schneewittchen immer durch Tiere begleitet wird oder indem die Stiefmutter durch ihr eigenes Missgeschick in den Tod stürzt und nicht durch das Brautpaar bestraft wird), jedoch ist zu bedenken, dass die modernen, kindgerechten Fassungen der grimmschen Märchen beispielsweise den grausamen Tod der Stiefmutter durch die glühenden Schuhe auch nicht mehr beinhalten. Immerhin finden sich auch in der Disney-Variante düstere und angsteinflößende Stellen und am Ende siegt die Gerechtigkeit.

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