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Ukrainische Lebensart - Erfahrungsbericht aus Kiew

Falls Sie einmal in den Genuss kommen, nach Kiew zu fahren, geben Sie sich nicht damit zufrieden, die zahlreichen Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Soviel die Stadt auch an solchen Attraktionen für Touristen zu bieten hat - viel spannender ist es oft, die Menschen im Alltag zu beobachten und ihre bemerkenswerten und teils skurrilen, aber doch liebenswerten Gebräuche kennenzulernen.

Dem Großen Tor von Kiew hat Mussorgsky in seinen "Bildern einer Ausstellung" ein Denkmal gesetzt.
Dem Großen Tor von Kiew hat Mussorgsky in seinen "Bildern einer Ausstellung" ein Denkmal gesetzt.

Ukrainische Esskultur - eine Großküche an jeder Straßenecke

  • Vielleicht ist das Essen nicht das wichtigste, wenn man ein fremdes Land bereist - wenn es aber so lecker ist wie in der Ukraine und noch dazu auf so besondere Art und Weise zelebriert wird, kann es schon einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
  • Das Besondere an der ukrainischen Küche ist die liebevolle Art und Weise, wie grundsätzlich banale Lebensmittel kombiniert und im wahrsten Sinne des Wortes "verpackt" werden. Generell essen die Ukrainer gerne deftig und nahrhaft. Ein großer Bestandteil der Küche besteht aus Fleisch, Kartoffeln, Kohl und - Teigwaren. In Kiew ist es nicht möglich, einfach nur ein Brötchen zu essen, denn man kann nie wissen, was dieses Brötchen noch zu bieten hat. Es lassen sich beispielsweise Äpfel, Kirschen oder Sauerrahm darin verstecken, aber auch Kartoffeln, Käse, Hackfleisch oder Pilze. Als Tourist hat man oft die Qual der Wahl, für welches man sich entscheiden soll, aber aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen versichern, dass es sich immer um eine Köstlichkeit handelt.
  • Der besondere Charme, den die ukrainische Küche ausstrahlt, ist jedoch nicht nur das, was sie anbietet, sondern auch die Art, wie sie es anbietet. In Kiew gehen die Leute nicht ins Restaurant, denn das können sich nur die wenigsten leisten. Dafür gibt es an jeder Straßenecke eine der beliebten Großküchen, zum Beispiel jene mit dem bezeichnenden Namen "Domaschnaja kuchnja" - zu deutsch: "Hausmannskost" bzw. "Häusliche Küche".
  • Eine solche Großküche ist in finanzieller Hinsicht mit einer Mensa für Studenten vergleichbar, allerdings ist das Essen viel besser. Wer eine "Domaschnaja kuchnja" betritt, kann sich sicher sein, dass er typisches ukrainisches Essen geboten kriegt.
  • Der Vorteil für Touristen ist außerdem der, dass man theoretisch gar keine Sprachkenntnisse besitzen muss. Man kann von einem riesigen Büfett auswählen, welches Essen man haben möchte, indem man einfach darauf zeigt.
Eine Busfahrt wird in Kiew schnell zum Erlebnis
Eine Busfahrt wird in Kiew schnell zum Erlebnis © Uta Schmidt

Der Alltag im Straßenverkehr - Busfahren in Kiew

  • Normalerweise ist das Busfahren eine viel zu banale Nebensächlichkeit, als dass sie hier aufgeführt werden dürfte. In Kiew jedoch gelten andere Regeln, als wir sie hierzulande gewohnt sind, so dass auch eine herkömmliche Busfahrt zum Erlebnis werden kann.
  • Fahrpläne werden Sie in Kiew vergeblich suchen. Machen Sie es wie die Ukrainer, indem Sie sich einfach an die Straße stellen und warten, bis irgendein Bus kommt.
  • Falls Sie Glück haben und eine Mitfahrgelegenheit ergattern, gibt es zwei Möglichkeiten - den Trolleybus oder die Marschrutka. Die billigere Variante ist der Trolleybus - eine Fahrt kostet umgerechnet etwa 10 ct, und zwar egal, wohin und wie lange man fährt. So groß und komfortabel die Trolleybusse sind, haben sie doch den Nachteil, dass die Fahrgäste hier auf vorgegebene Haltestellen angewiesen sind.
  • An dieser Stelle kommt der skurrile Aspekt des Kiewer Busfahrens zur Geltung, denn es ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit in der Ukraine, dass ein Bus sich nach bestimmten Haltestellen zu richten hat. Die andere Busvariante, die Marschrutka, ist minimal teurer (statt 10 ct kostet eine Fahrt etwa 25 ct!) und meist wahnsinnig eng, aber dafür von großem Unterhaltungswert. Eine Marschrutka ist eigentlich eine Mischung aus Taxi und Bus, sie fährt eine bestimmte vorgegebene Strecke, hält aber auf Wunsch (bzw. Zuruf des Gastes, und das möglichst laut!) auch außerhalb der üblichen Haltestellen.
  • Genauso skurril wie dieses Bustaxi selbst ist die Art und Weise der Bezahlung. Einen Kontrolleur gibt es grundsätzlich nicht in einer Marschrutka, man zahlt direkt beim Fahrer - ob vor der Fahrt oder währenddessen, spielt keine Rolle. Neben dem Fahrer steht ein kleiner Karton, in dem die Münzen gesammelt werden, die Scheine werden einfach danebengeworfen. Damit das Prozedere des Ein- und Aussteigens möglichst zügig vorangeht, ist es besonders schön geregelt, dass diejenigen, die hinten einsteigen, ihr Geld einfach nach vorne durchgeben. Man bittet lediglich seinen Nachbarn, das Geld weiterzugeben, und es wird sicher beim Fahrer ankommen. Es ist erstaunlich, aber es klappt immer, ohne dass jemand sich persönlich bereichert. Sogar das Restgeld kommt immer wieder beim Richtigen an. Fahrscheine gibt es nicht, daher wäre jede Kontrolle auch unmöglich, allerdings sind Schwarzfahrer hier eher selten. Sobald jemand versuchen würde, gar nicht erst zu bezahlen, würde er von sämtlichen anderen Fahrgästen mit hoher Wahrscheinlichkeit empört angesehen und zur Vernunft gebracht.
Ein typisches Beispiel für die liebevoll zubereitete ukrainische Küche.
Ein typisches Beispiel für die liebevoll zubereitete ukrainische Küche. © Uta Schmidt

Ukrainische Lebensfreude - ob mit oder ohne Anlass

  • Das Straßenbild in Kiew ist geprägt von Extremen. Einerseits begegnet man unweigerlich alten, kranken und hilfsbedürftigen Menschen, die um Geld betteln, andererseits kann es sein, dass sich mitten in der U-Bahn-Station folgende Situation abspielt: Eine Gruppe älterer Frauen und Männer tanzt in aller Seelenruhe zur Musik von ein paar Straßenmusikern klassische Tänze. Ein besonderer Anlass ist hier offenbar nicht nötig, sie treffen sich einfach, um zu tanzen. So etwas wäre in Deutschland schier undenkbar, so dass man sich als Gast in Kiew kaum von dem Anblick losreißen mag.
  • Die Ukrainer legen sehr viel Wert auf ihre Kultur. Dies äußert sich in ihrer Liebe zu ukrainischer Volksmusik, aber auch in traditionellen Kostümen, die sich durch kräftige Farben auszeichnen. Nicht nur an hohen Feiertagen, sondern auch mitten in der Woche kann es passieren, dass man zum Bahnhof geht und auf dem Bahnhofsvorplatz einen Chor stehen sieht, der in traditionellen ukrainischen Gewändern folkloristische Lieder singt.
  • Selbstverständlich zeigt sich die Art, das Leben zu feiern, auch bei einem Essen unter Freunden. Hier ist der Trinkspruch von besonderer Bedeutung, denn niemand erhebt das Glas, ohne dass auf etwas Besonderes angestoßen wurde. Was es ist, spielt genau genommen keine Rolle, aber zentral sind natürlich unvergängliche Werte wie Freundschaft, Liebe, Gesundheit und Frieden. Wichtig ist, dass jeder mitmacht und einen Trinkspruch beisteuert - so wird jeder Gast mit der unvergleichlichen ukrainischen Herzlichkeit in die Gemeinschaft aufgenommen.
In einer Kunstausstellung von Alltagsgegenständen konnte man diese Kreation bewundern.
In einer Kunstausstellung von Alltagsgegenständen konnte man diese Kreation bewundern. © Uta Schmidt
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