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Shutter Island - Aufklärung

Scorseses "Shutter Island" ist ein Psychothriller der besonderen Art, dessen Ende für den Zuschauer eine Aufklärung verlangt. Aber Achtung: Spoiler!

Auf der unheimlichen Insel "Shutter Island" liegt die psychiatrische Anstalt Ashcliffe.
Auf der unheimlichen Insel "Shutter Island" liegt die psychiatrische Anstalt Ashcliffe.

"Shutter Island" steht in einer langen Tradition von Filmen mit überraschendem Ende, das der Zuschauer nicht kommen sieht. Zumindest beim ersten Schauen bleibt er mit vielen offenen Fragen zurück. Hier nun die die Antworten.

Shutter Island - der Inhalt

Der Film "Shutter Island" aus dem Jahre 2010 ist eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dennis Lehane von 2003. Martin Scorsese führte Regie und die Hauptrollen sind mit Leonardo di Caprio, Mark Ruffalo und Ben Kingsley besetzt.

Der US Marshall Teddy Daniels und sein Partner Chuck Aule begeben sich 1954 zur Insel Shutter Island, auf der sich die psychiatrische Anstalt Ashcliffe befindet. Chuck und Teddy sollen dort die Flucht der Patientin Rachel Solando aufklären. Die Filmhandlung wird immer wieder unterbrochen von Teddys Träumen, die von seiner toten Frau und der Befreiung des KZs Dachau handeln.

Nach und nach verstrickt Teddy sich immer weiter in ein Gespinst von Vermutungen und Schuldgefühlen. Ist der Mörder seiner Frau, Andrew Laeddis, der geheimnisvolle 67. Patient oder ist er selbst Laeddis? Wurde George Noyce in der Klinik für Menschenexperimente missbraucht? Ist Rachel Solando in Wahrheit eine degradierte Ärztin von Ashcliffe?

Am Ende ist alles anders, als es schien. Sein angeblicher Partner ist laut Dr. Cawley, dem Leiter der Anstalt, in Wahrheit Teddys Arzt. Die Handlung des Films war nichts als ein groß angelegtes Rollenspiel, das Teddy/Laeddis wieder in die Realität holen sollte. So sollte ihm die bevorstehende Lobotomie erspart bleiben. Oder handelt es sich doch um eine Verschwörung?

Mit den folgenden Worten steht Teddy schließlich auf und begibt sich freiwillig auf den Weg zur Lobotomie: "Was ist besser? Zu leben wie ein Monster oder als guter Mann zu sterben?" Hier endet der Film und lässt einige Fragen ungeklärt.

Erste subtile Hinweise auf das Finale

Der Zuschauer von "Shutter Island" glaubt zunächst, sich in einem ganz normalen Thriller anzusehen. Eine Patientin ist geflohen, ein Ermittler soll sie wiederfinden, doch schon zu Beginn wird eine unheilvolle Atmosphäre erzeugt. Bald ahnen Sie, dass hinter der ganzen Sache doch mehr stecken könnte.

Wie kaum ein anderer versteht es Martin Scorsese, eine dunkle Stimmung zu schaffen. Schon auf dem Boot nach Shutter Island lassen Sie der heraufziehende Sturm und der nervöse Kapitän Böses ahnen. Auf dem Weg nach Ashcliffe unterstützt dramatische Musik die deutlich wahrnehmbare Skepsis Teddys.

Statt in einem normalen Krimi finden Sie sich in einem Psychothriller mit Horrorelementen wieder. Unterstützt wird dies durch subtil eingestreute Elemente, die, nach Kenntnis des Endes, einen bestimmten Sinn ergeben: Auf dem Weg zu Dr. Cawley am Anfang des Films gibt eine Patientin Teddy das Zeichen, still zu sein und nichts zu sagen. Während der Befragung rät Teddy einer Patientin, die Insel schnellstmöglich zu verlassen.

Teddys unheimliche Träume zeigen Ihnen nicht nur Rückblenden in seine Vergangenheit. In der ersten Hälfte des Films bestärkt ihn seine Frau, seinem Verdacht weiter nachzugehen. Gegen Ende rät auch sie ihm: Verschwinde von hier.

Interpretation 1: "Dr. Cawleys" Erklärung im Film

All den seltsamen Anzeichen und Hinweisen wird mit dem Schluss des Films durch den Doktor eine bestimmte Aufklärung gegeben. Teddy ist in Wahrheit Laeddis. Seine Frau ertränkte seine Kinder, nicht Rachel ihre. Rachel ist keine entflohene psychiatrisch untergebrachte Patientin, sondern seine Tochter.

Die Schuld, die er für die Erschießung der Wachen in Dachau empfindet, ist in Wahrheit die Schuld am Tod seiner Frau. Diese ist somit in ein nicht weniger grausames, aber nachvollziehbareres Verbrechen geändert worden: Ein Abwehrmechanismus seines Gehirns, um mit der Schuld besser auszukommen.

In seinem letzten Traum ist seine Frau nass und hält ein Mädchen an der Hand. Diese Szene wird plausibel, wenn Sie erfahren, dass Teddy/Laeddis seine Frau durchnässt antraf, als er damals nach Hause kam. Sowohl im Traum als auch in der späteren Rückblende sagt er schließlich den Satz: "Baby, du bist ja ganz nass". So sollen Ihnen Dr. Cawleys Schlussfolgerungen noch plausibler erscheinen.

Interpretation 2: Rückblenden und Schlusssatz führen zur alternativen Deutung

Statt nur den Erzählungen Dr. Cawleys zu folgen, zeigt Scorsese Ihnen die vermeintlich wahre Geschichte von Teddy/Laeddis. Der Mensch und im Besonderen der Kinozuschauer neigt dazu, Dinge, die er tatsächlich sieht, auch für wahr zu halten. Eine sehr gut funktionierende Technik. Aber haben Sie Teddys Erzählungen und Träume zuvor nicht auch für wahr gehalten?

Was genau soll der Satz "Was wäre schlimmer: Zu leben wie ein Monster oder als guter Mann zu sterben?" bedeuten? Versuchen Sie die Geschichte doch mal so aufzurollen: Ashcliffe ist eine dubiose Anstalt, in der an Menschen mit Gehirnoperationen und Psychopharmaka experimentiert wird.

Der US Marshall Teddy Daniels ermittelt in diese Richtung und wird schließlich zu gefährlich. Der Geheimdienst lockt ihn daraufhin auf die Insel und unterzieht ihn mithilfe von Medikamenten und verwirrenden Personenwechseln einer Gehirnwäsche. Kann dies einen Menschen, der durch den Krieg und den Tod seiner Frau traumatisiert ist, nicht vollends verwirren?

Die alternative Deutung des Endes gestaltet sich also so: Teddy ist Opfer einer Verschwörung. Um der unangenehmen Situation im Leuchtturm zu entkommen, gesteht er zum Schein ein, er sei Andrew Laeddis. Im Gespräch mit Dr. Sheehan am Morgen tut er so, als wäre diese Szene nicht geschehen. Damit macht er Sheehan und Cawley deutlich, dass ihre Gehirnwäsche nicht funktioniert hat.

Doch er kann nichts tun. Nun greift der Geheimdienst zum letzten Mittel und schaltet ihn mittels Lobotomie endgültig aus. Er stirbt jedoch lieber in dem Bewusstsein, er selbst zu sein als ein Mörder zu sein. Jetzt müssen Sie sich entscheiden: Verstehen Sie den letzten Satz so, dass der Mörder seiner Ehefrau, Laeddis, lieber bei seinem erfundenen Alter Ego Teddy bleibt? So kann er für sich selbst als Held weiter existieren. Oder glauben Sie an eine Verschwörung, deren Opfer ein US Marshall wurde, der zu viel wusste?

Scorsese bietet Ihnen also eine einleuchtende Erklärung und gibt Ihnen dennoch durch den letzten Satz seiner Hauptfigur eine Alternativmöglichkeit. Sollten Ihre Freunde und Bekannte den Film noch nicht gesehen haben, halten Sie sich zurück. Liefern Sie Ihnen nicht vorher schon eine Aufklärung, geben Sie keine Hinweise. Jeder sollte am Ende zu seiner eigenen Interpretation kommen können.

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