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Lyrisches Wir - Erläuterung

Meist sind Gedichte in der Ich-Form verfasst, doch von dieser Regel gibt es Ausnahmen. So ist der Sprecher manchmal ein "wir". Aber gibt es überhaupt ein Lyrisches Wir und wie lässt es sich interpretieren?

Bei Gedichten gibt es unterschiedliche Perspektiven - darunter das Wir.
Bei Gedichten gibt es unterschiedliche Perspektiven - darunter das Wir.

Ein häufig verwendeter Begriff, wenn es um das Interpretieren von Gedichten geht, ist der des Lyrischen Ich. Meist sind Gedichte aus der Ich-Perspektive verfasst, was aber nicht bedeutet, dass sie auch aus der Sicht des Autoren geschrieben sind. Kompliziert wird es, wenn statt des Lyrischen Ich auf einmal ein Wir auftaucht.

Wir - eine schwierige Perspektive

Es gibt zahlreiche Gedichte, die nicht aus der Perspektive eines Ich, sondern aus der eines Wir verfasst worden sind. Ein bekanntes Beispiel ist Rainer Maria Rilkes "Todeserfahrung". Hier heißt es beispielsweise: "Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das nicht mit uns teilt". Gedichte, die nicht aus der Ich-, sondern aus der Wir-Perspektive verfasst sind, wirken meist weniger persönlich und scheinen größere, gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zu behandeln. Es wird allerdings schwierig, wenn es darum geht, das Gedicht zu analysieren, denn das Lyrische Wir ist kein feststehender Ausdruck. Zur Interpretation muss daher wieder das Ich herangezogen werden.

Lyrisches Ich als Ausgangspunkt

  • Das Lyrische Ich ist eine "Person", die vom Verfasser eines Gedichtes geschaffen wird. Manchmal meint er sich damit selbst, häufiger aber einen fiktiven Charakter, meist einen Stereotypen.
  • So kann als Lyrisches Ich ein verliebter Mann dienen oder auch eine enttäuschte Frau, es kann ein Soldat oder ein Schüler sein. Meist geht dies aus dem Sujet des Gedichtes hervor, an Persönlichkeit gewinnt die jeweilige Figur durch den Inhalt selbst.
  • Das Lyrische Ich, das eben nicht die Erlebnisse und Gefühle des Autors selbst beschreibt, ist eine "Erfindung" des 19. Jahrhunderts und wird seit dem frühen 20. Jahrhundert als eigener, feststehender Begriff gehandelt.

Ansätze zur Interpretation

Wenn Sie nun ein Gedicht interpretieren möchten, in dem es kein Lyrisches Ich, sondern ein Wir gibt, ist der erste Ansatz genau derselbe: Sie sollten sich fragen, wer hier der Sprecher ist, also um welche Gruppe es geht. Im obigen Rilke-Beispiel ist vom ewigen Kampf der Menschheit mit dem Tod die Rede, also ist der Sprecher die gesamte Menschheit. Dies ist beim Lyrischen Wir aber nicht immer der Fall. So gibt es ein anderes bekanntes Beispiel von Eduard Paulus. Hier heißt es: "Wir sind das Volk der Dichter, ein jeder dichten kann; man seh’ nur die Gesichter von unser einem an". Es ist also eindeutig wieder eine Gruppe der Sprecher. Kennt man das gesamte Gedicht, wird klar, dass er mit dem Volk der Dichter die Schwaben und Württemberger meint. Wenn Sie ein Gedicht aus der Wir-Form analysieren möchten, sollten Sie also stets alle Ihnen zur Verfügung stehenden Informationen nutzen, um herauszufinden, von wem überhaupt die Rede ist. Sobald Sie dies wissen, wird Ihnen auch die Interpretation des Gesamttextes leicht fallen.

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