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"Jesus Christ Superstar" - freie Bibelinterpretation oder pure Blasphemie?

1971 haben Andrew Lloyd Webber und Tim Rice ein Rockmusical geschrieben, das sich mit dem Stoff der Passion Christi beschäftigt. Nicht nur durch den provokanten Titel "Jesus Christ Superstar", sondern auch durch die gesamte Interpretation hat das Werk für Furore gesorgt und viel Kritik geerntet. Doch inwiefern ist die Empörung berechtigt? Lassen sich die Vorwürfe, das Stück verspotte alles, woran Christen glauben, musikalisch beziehungsweise textlich nachweisen? Oder liegt hier einfach eine zwar eigenwillige, aber doch legitime Interpretation der Bibel vor?

Die Passion Christi zum Stoff eines Rockmusicals zu machen, ist provokant.
Die Passion Christi zum Stoff eines Rockmusicals zu machen, ist provokant.

Zum Inhalt des Musicals

  • Die Handlung des Musicals gibt die Geschehnisse in den letzten Tagen des Lebens Jesu Christi wieder, wie sie in den vier Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes beschrieben sind. Anders als bei den bekannten Passionsvertonungen wie zum Beispiel von Johann Sebastian Bach beziehen sich die Autoren jedoch nicht nur auf ein einziges Evangelium. Während viele Komponisten ihre Werke entsprechend der Textgrundlage "Matthäuspassion", "Lukaspassion", "Markuspassion" oder "Johannespassion" nennen, haben Webber und Rice das Wichtigste aus allen vier Evangelien zusammengefasst.
  • Die hier erzählte Geschichte der Passion basiert in den Grundzügen auf dem Bericht der Evangelisten. Zentrale Aspekte sind der Verrat des Judas, die Verleumdung des Petrus, das letzte Abendmahl mit den Jüngern, die Szene im Garten Gethsemane, die Verhandlung vor Pilatus und die Kreuzigung.
  • Bezüglich der Darstellung der historischen - beziehungsweise religiösen - Ereignisse weichen die Autoren häufig vom Bibeltext ab, indem sie ihn entweder verändern oder lediglich emotional anreichern. Die in der Bibel relativ kurze Szene, in der Jesus im Garten Gethsemane mit Gott und seinem Schicksal hadert, wird bei Webber zu einem riesigen Monolog entwickelt. Dieser zeigt sehr plastisch, welche Gefühle Jesus in dieser Situation hatte und dass seine Gemütslage zwischen Wut, Verzweiflung, Verständnislosigkeit und Zuversicht hin und her schwankt.
  • Die Figur des Barrabas, den Pilatus statt Jesus kreuzigen lassen wollte, kommt im Musical nicht vor. Dafür erscheint Maria Magdalena als wichtiger Charakter, die Jesus' Haupt mit Öl salbt und von den Jüngern vertrieben wird, weil sie als Prostituierte keinen angemessenen Stand habe. Hier greifen die Autoren auch auf biblische Szenen zurück, die nicht zum Passionsbericht gehören, sondern an anderer Stelle auftauchen, denn Jesus sagt hier, wer von ihnen ohne Sünde sei, könne mit Steinen werfen. Diese Worte spricht er ursprünglich im Zusammenhang mit einer Frau, die wegen Ehebruch gesteinigt werden soll und die von Jesus freigesprochen wird (Johannes 8,7).
  • Die gravierendste Änderung, die auch die meiste Kritik hervorgerufen hat, ist die Charakterisierung des Judas. In diesem Musical übernimmt Judas die Rolle des Erzählers, der zu Anfang mittels eines Monologs die Geschehnisse ankündigt und die Ausgangslage erläutert. Er taucht immer wieder auf, sogar nach seinem Selbstmord erscheint seine Stimme mit den Worten, dass er den dramatischen Verlauf der Handlung geahnt habe und Jesus hätte warnen wollen. Der Verrat wird hier so dargestellt, dass Judas das Geld zunächst nicht annehmen wollte und sich erst ganz zum Schluss überreden lässt, Jesu Aufenthaltsort zu verraten. Sein Charakter präsentiert sich als vielschichtig und differenziert, er wird nicht als Verräter bloßgestellt, sondern erscheint als verzweifelter Mensch, der keinen Schaden anrichten wollte, dessen Plan aber in die falsche Richtung ging.
  • Blasphemie ist ein Fremdwort für Gotteslästerung, unabhängig von einer bestimmten …

  • Der Titel "Jesus Christ Superstar" impliziert, dass Jesus vom Volk als Held gefeiert wurde und eine Art Kultfigur darstellte. In einer Szene wird er regelrecht vom Volk überrannt, weil alle auf ihn einstürmen, damit er ein Wunder an ihnen vollbringt, wie er es schon vorher getan habe. Dieser Kult um seine Person ist es laut Interpretation der Autoren, die Jesus später zum Verhängnis wird, weil die ursprüngliche Begeisterung des Volkes in Enttäuschung und Wut umschlägt.

Textliche und musikalische Umsetzung

  • Das Musical beginnt wie eine Oper mit einer Ouvertüre, in der die wichtigsten Themen als Medley vorgestellt werden. Besonders hervorstechend ist das Titellied "Jesus Christ Superstar", das einen sehr hymnischen Charakter hat und durch die bombastische Melodik und Rhythmik ausgesprochen triumphal klingt. Unvermittelt reißt es jedoch mittendrin ab und endet mit einer leisen Streicherpassage. Hierdurch wird bereits musikalisch angedeutet, dass der Kult um Jesus ein jähes Ende nehmen wird und dass positive Stimmungen in Bedrohlichkeit und Hass umschlagen werden.
  • Das Prinzip der Leitmotivik zieht sich durch das ganze Musical, sodass die wichtigsten Charaktere auch musikalisch identifiziert werden können. Bezeichnenderweise ist es nicht nur das Superstar-Motiv, das Jesus verkörpert, sondern auch ein sehr leises, getragenes, das seinen Monolog in Gethsemane und auch die Schlussszene nach der Kreuzigung begleitet. Hier ist von Triumph, Pracht und Glanz nichts mehr zu spüren, das Musical endet verhalten und melancholisch, jedoch mit einem Hoffnungsschimmer.
  • Die Musiksprache entspricht generell den Assoziationen von Rockmusik, es werden die typischen Instrumente wie E-Gitarren und Schlagzeug verwendet. Dennoch gibt es immer wieder Anklänge an klassische Musik, denn es erklingen auch die bekannten Instrumente aus einem Sinfonieorchester. Hierdurch gelingt den Autoren eine große Bandbreite an musikalischen Farben, die sie je nach Szene entsprechend kontrastierend einsetzen. So ist das Liebeslied von Maria Magdalena "I don't know how to love him" das Paradebeispiel einer Rockballade, während das Spottlied von König Herodes sich als munterer Ragtime präsentiert, der das Ausmaß der Verhöhnung nicht deutlicher ausdrücken könnte.
  • Der Text setzt sich insbesondere mit einigen zentralen Szenen und mit der Charakterisierung von Personen auseinander. Diese Art der Darstellung war die Angriffsfläche für zahlreiche kritische Äußerungen. Judas beispielsweise erscheint nicht als Verräter, sondern als zu bemitleidender Jünger Jesu, der einen Fehler gemacht hat. Zu Anfang beschreibt er seine Gefühle Jesu gegenüber. Er berichtet davon, wie fasziniert er anfangs war, aber dass ihn die Stimmung im Volk beunruhigt. Seiner Meinung nach gehe es nun viel zu sehr um Jesu Person und nicht mehr um das, was er wollte und wovon er predigte. Hiermit deutet er demnach an, dass der Starkult, der um Jesus herum zu beobachten ist, gefährlich ist und schnell umschlagen kann. Er will Jesus warnen, weil er befürchtet, dass die Massen ihre Wut und Enttäuschung an ihm auslassen werden, wenn sie glauben, er dass er nicht die Wahrheit sage ("all your followers are blind, too much heaven on their minds").
  • Eine weitere Szene, die in der Kritik steht, ist das Letzte Abendmahl. Während die Jünger hier als einfältige Masse dargestellt wird, die den Ernst der Lage gar nicht begreift und Jesu Ruhm auf sich selbst bezieht ("then when we retire we can write the gospels so they'll still talk about us when we've died"), spielt sich ein erbittertes Wortgefecht zwischen Jesus und Judas ab. Dies weicht in seiner Emotionalität deutlich von den Vorgaben der Bibel ab, in der Jesus lediglich voraussagt, wer ihn verrät. Hier jedoch legen die Autoren sämtliche Gefühle von Zorn, Enttäuschung, Erbitterung und Verständnislosigkeit in die Worte der Sänger. Jesus schreit Judas regelrecht an, solle er doch gehen und ihn verraten, ihn interessierten seine Gründe nicht, während Judas seiner eigenen Enttäuschung Luft macht und Jesus anklagt, warum er sich alles habe aus den Händen gleiten lassen ("you'd have managed better if you'd had it planned").
  • Das, was Webber und Rice vor allem vorgeworfen wird, ist die These, dass Jesus zu menschlich und zuwenig göttlich dargestellt werde. Dieser Vorwurf lässt sich am leichtesten nachvollziehen vor dem Hintergrund des Monologs in Gethsemane. Die biblischen Worte "ist's möglich, so gehe dieser Kelch von mir" (Matthäus 26,39) werden hier emotional angereichert. Die Autoren zeigen, dass es bis zu dem weiteren Verlauf des Satzes "doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe" eine lange Entwicklung und ein schwerer innerer Kampf ist. Jesus erscheint zunächst verzweifelt und verständnislos angesichts des göttlichen Plans, er hat Angst, zu sterben und versucht, sein Schicksal aufzuhalten. Erst zum Schluss ergibt er sich in sein Schicksal und findet sich letztlich damit ab, jedoch ohne eigene Zuversicht zu zeigen.

Zusammenfassung - Blasphemie oder freie Interpretation?

  • Die Kritik vieler gläubiger Christen erscheint angesichts der hier vorliegenden Darstellung der Passionsgeschichte sehr nachvollziehbar. Zum einen ist die musikalische Umsetzung mit Instrumenten, Rhythmen und Melodien aus dem Genre der Rockmusik ein starker Kontrast zu sämtlichen Passionsvertonungen der ernsten Musik. Allein das Vorhaben, einen religiösen Stoff auf ein Genre, das aus dem Bereich der Unterhaltungsmusik stammt, zu beziehen, wirkt provokativ. 
  • Auch die Freiheiten, die sich die Autoren hinsichtlich der Bibelvorlage herausgenommen haben, sind Grund für eine kritische Beurteilung. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint es wirklich so, als würde der Text nicht nur erweitert, sondern auch teilweise in seiner Aussage grob verfremdet und entstellt.
  • Bedenkt man jedoch, dass die Bibel einen sehr neutralen Text präsentiert, der stets einer Interpretation, einer persönlichen Auslegung bedarf, die durchaus subjektiv sein kann, verändert sich die Lage. Dass Webber und Rice die Vorlage erweitert haben mit Dialogen, die so nicht in der Bibel stehen, lässt sich nicht leugnen. Doch dass die Personen der Handlung diese oder ähnliche Gefühle hatten, ist durchaus vorstellbar. Sicher ist es provokant, die Jünger als einfältige Mitläufer zu sehen. Versetzt man sich jedoch in ihre Lage, ist es nur zu menschlich, sich in einer Gruppe sicher und wohl zu fühlen, die einen Anführer hat, wie Jesus es war.
  • Ebenso lässt sich der Vorwurf, Jesus werde zu menschlich dargestellt, entkräften. Gerade zur Weihnachtszeit wird betont, dass Jesus als Mensch geboren wurde, und im Glaubensbekenntnis heißt es, dass er "gezeugt, nicht geschaffen" wurde. Warum sollte er keine menschlichen Gefühle verspüren, zu denen Todesangst unweigerlich dazugehört? Zweifellos ist die Darstellung im Musical in diesem Punkt sehr überzogen, denn sie geht ja sogar so weit, dass Jesus sich zwar letztlich fügt, aber den göttlichen Plan im Grunde nicht nachvollziehen kann. Generell ist jedoch die Hervorhebung seiner Menschlichkeit kein Widerspruch zur biblischen Vorlage, sondern eine subjektive Interpretation, die durchaus erklärbar ist.
  • Die Figur des Judas wird in den Evangelien stets ähnlich beschrieben. Dort wird er als kaltblütiger Verräter beschrieben, der sich durch seine Tat bereichert, schließlich jedoch bereut, was er getan hat, weil er Jesu Tod nicht beabsichtigt hatte. Die Frage jedoch, warum ein Anhänger Jesu ihn überhaupt verraten konnte, hat viele Christen beschäftigt und wird nach wie vor diskutiert. Eine Möglichkeit der Interpretation ist es jedoch, dass Judas ursprünglich sein leidenschaftlichster Jünger war, der aber angesichts des Fortgangs der Geschichte enttäuscht war, weil ihm der Aufstieg seines Idols nicht schnell genug ging. Dass starke Gefühle leicht in ihr Gegenteil umschlagen können, ist nicht ungewöhnlich, und genau das widerfährt Judas hier.
  • In Bezug auf Judas ist das Musical gerade durch seine provokante Interpretation eine Möglichkeit, die Geschehnisse in der Bibel noch einmal zu überdenken und vielleicht aus einer anderen Perspektive zu sehen. Durch die gewagte Umsetzung schaffen es Webber und Rice unter Umständen, zum Nachdenken anzuregen und den Bibeltext nicht einfach als schriftlich fixiertes Wort hinzunehmen, sondern ihn neu auszulegen und mit Bedeutung zu füllen. In diesem Sinne wäre das Musical alles andere als Blasphemie, sondern ein Schritt zu einem neuen Bibelverständnis. Unabhängig davon, ob man für sich selbst zu dieser oder zu einer anderen Interpretation gelangt, hätte das Musical auf diese Weise nicht nur einen hohen Unterhaltungswert, sondern auch eine religiöse Bedeutung.
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