- 25.10.2010 Sima Moussavian
Das Gedicht formal analysieren - lyrische Form und Stilmittel
- Das erste, das dem Leser ins Auge fällt, sobald er Gedichte analysieren soll, sind Strophenzahl und Strophengewichtung. Meist deckt sich die Strophenzahl mit inneren Wenden des Gedichts und auch ihre Ausführlichkeit gibt Ihnen bereits einen Vorverweis auf den Inhalt und dessen Staffelung.
- Beschäftigen Sie sich als Nächstes mit dem Vers. Hierzu zählt vor allem das Reimschema des Gedichts. Unterscheiden Sie zwischen Kehrreim als wiederkehrender Schlussreim eines Verses und der Waise, einem reimlosen Vers. Bestimmen Sie Paarreime nach dem Schema aa bb und/ oder Kreuzreime, die nach dem Schema abab verlaufen. Auch Schweifreim und umarmender Reim im Schema abba können sich in dem zu analysierenden Gedicht wieder finden.
- Den nächsten formalen Punkt der Gedichtanalyse beansprucht das Metrum und damit die regelmäßige Abfolge von Hebungen und Senkungen innerhalb der Verse. Unterscheiden Sie zwischen 2-silbigen Versfüßen wie dem Jambus nach dem Schema unbetont-betont und dem Trochäus der gegenteilig verläuft. Auch der 3-teilige Anapäst, der aus zwei unbetonten und einer betonten Silbe besteht, kann Ihnen im Gedicht begegnen. Eher seltener ist dafür schon der Daktylus, der im Gegenschema verläuft. Je nach der Anzahl von Hebungen pro Zeile wird der Versfuß als 2-/3-/4-/5-hebig usw. beschrieben. Zuletzt widmen Sie sich in diesem Zuge der einzelnen Kadenzen, d.h. Versausklängen. Ist ein Versausklang betont, so ist er männlich, ist er unbetont gilt er als weibliche Kadenz.
- Schließlich müssen Sie sich den Stilmitteln zuwenden, die die Lyrik meist als Instrument der Inhaltsvermittlung benutzt. Beschäftigen Sie sich mit verbunden gegensätzlichen Begriffen wie der Antithese und geben Sie konkrete Textbeispiele. Suchen Sie nach dem Oxymoron als scheinbar widersinniger Begriffsverbindung und analysieren Sie syntaktische Satzstrukturen, sodass sich parallele und kreuzgestellte Verhältnisse gleicher Strukturen ergeben. Auch Anaphern und Alliterationen oder Inversionen und Meaphern können von Ihnen erklärt werden. Beachten Sie zudem Wortwahl und Satzart.
Interpretation und inhaltliche Analyse des Gedichts
- Um Gedichte inhaltlich zu analysieren, benötigen Sie eine kurze Zusammenfassung, die so wenige Deutungen wie möglich enthalten soll. Fassen Sie den Inhalt der einzelnen Verse und damit gleichbedeutend bestenfalls auch Sinnesabschnitte zusammen und stellen Sie Personen vor. Erklären Sie auch Wendepunkte des Gedichts, die Sie später belegen und stellen Sie eine These bezüglich der Hauptintention auf.
- Um Ihre These zu belegen, führen Sie zuerst Beispiele aus dem formalen Bereich an. Reine Reime z.B. können auf klare Sachverhalte hinweisen, unreine lassen hingegen auf Verwirrung schließen, während ein isoliertes Versende meist auf eine Isolierung der Personen verweist. Ein rührender Reim, d.h. die Verwendung desselben Wortes an Versenden, kann Ihnen helfen Monotonie und Verzweiflung zu belegen, während der Kehrreim meist auf in sich geschlossene Teufelskreisschemen aufmerksam machen will.
- Auch dem Versfuß können Sie inhaltliche Aspekte zuteilen, weil er eine Handlung entweder untermalt oder bricht. Genauso können Sie Brüche der natürlichen Wortbetonung durch das Versmaß oft als inhaltliche Wendepunkte anführen. Verläuft dagegen die Anzahl der Hebungen im Metrum unregelmäßig, mag das als Hinweis auf eine Hinundhergerissenheit oder Unausgeglichenheit der agierenden Person ausgelegt werden.
- Arbeiten Sie nach der inhaltlichen Analyse formaler Entdeckungen auch Stilmittel und deren Bedeutung mit ein. Ein Parallelismus kann dabei auf Gleichmäßigkeiten in der Handlung hinweisen, während die Kreuzstellung von Satzteilen inhaltliche Konflikte und Unklarheiten bestärkt. Antithesen dienen oft zur Bestärkung von Verwirrung, während das Oxymoron auf Extremsituationen hinweist. Eine sich wiederholende Wortwahl spiegelt meist die Hoffnungslosigkeit einer Situation, kurze Sätze deuten auf Resignation. Komplexe Schachtelsätze weisen auf komplexe Gefühlslagen hin und Fragesätze auf ungeklärte Verhältnisse. Ausrufe führen zu einer hohen Emotionalität, während ähnlich gebaute Reihungen Kälte und Objektivität ausstrahlen.
- Nachdem Sie auch die Stilfiguren in die Analyse eingearbeitet haben, kommt der letztlich schwierigste Teil der Gedichtinterpretation auf Sie zu: die Einordnung des Gedichts in eine Epoche und die Zuordnung zu einem Autor. Eine solche Einordnung kann nur mit viel Erfahrung getroffen werden und orientiert sich vor allem an epochentypischen Stilmitteln wie beispielsweise der Metapher in der Romantik, genauso auch an autorabhängigen Bildern und wiederkehrenden Motiven wie dem Aufbruch bei Franz Kafka.
Doch auch wenn es mit der Einordnung am Ende nicht klappen mag - wenn Sie die Grundbezüge zwischen Inhalt und formalem Aufbau kennen, tun Sie sich in jedem Falle leichter, Gedichte zu analysieren. Letztlich liegt es aber alleine an Ihnen, im konkreten Fall Ihre Kreativität spielen zu lassen und die Bezüge auf den Kontext zu übertragen.