Gedichtanalyse schreiben - so geht´s
- 07.09.2010 Frauke Itzerott
Eine Gedichtanalyse sollte immer aus einem formalen analysierenden und einem zweiten interpretierenden Teil bestehen. Im folgenden finden Sie die formalen Gesichtspunkte, anhand derer Sie Ihre Analyse gestalten können. Dabei lassen sich nicht alle Gedichte in ein strenges Muster einordnen. Gerade die Gedichte bestimmter Epochen, wie z.B. dem Expressionismus zeigen als Epochenmerkmal eben, dass sie nicht allen formalen Vorgaben entsprechen.
Der Aufbau einer Gedichtanalyse achten sollten
- Stil des Gedichts: Das Verhältnis von Vers und Satz im Gedicht ist die erste formale Einheit, die Sie untersuchen sollten. Entweder handelt es sich um den Zeilenstil (Satzende und Versende stimmen überein), das Emjambement (Der sogenannte Zeilensprung. Der Satz wird im nächsten Vers weitergeführt, zwischen den Sätzen entsteht beim Lesen keine Pause, das Lesetempo wird beschleunigt.) und den Hakenstil (Die einzelnen Verse werden durch Emjambements miteinander „verhakt“)
- Das Reimschema erkennen: Als nächstes sollten Sie das Gedicht daraufhin betrachten, ob es sich reimt. Auch dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die einfachste ist der Endreim, bei dem sich die Versenden reimen, was in verschiedenen Schemata geschehen kann (Paarreim aa, bb, cc: 1. Zeile und zweite Zeile, dritte Zeile und vierte Zeile, etc.), Kreuzreim abab, umarmender Reim: abba, Schweifreim: aabccb, dreifacher Reim: abcabc und Haufenreim: aaa. Dann gibt es noch den Binnenreim (innerhalb des Verses), den Anfangsreim (die ersten Wörter, nicht die letzten reimen sich), den Schlagreim (zwei aufeinander folgende Wörter reimen sich), die Assonanz (nur die Vokale, nicht aber die Konsonanten reimen sich (z.B. Sagen - Raben) und den Stabreim (mehrere Wörter beginnen mit dem selben Buchstaben).
- Die Metrik analysieren: Jetzt widmen Sie sich dem Versmaß des Gedichtes. Dabei ergeben die betonten und unbetonten Silben des Gedichts eine besondere Sprachmelodie. Zum Beispiel den Jambus (eine unbetonte, eine betonte Silbe), den Trochäus (eine betonte, eine unbetonte Silbe). Der Jambus ist in seiner Melodie ansteigend und eher fröhlich, der Trochäus fallend und erzeugt eine eher traurige Stimmung. Dann gibt es noch den Anapäst (unbetont, unbetont, betont) und den Daktylus (betont, unbetont, unbetont), für die dasselbe gilt.
- Die Strophenform des Gedichtes ist ebenfalls von Bedeutung. Es gibt den Distichon, der aus einem Hexameter (Daktylus mit sechs Versfüßen, also sechs mal den Daktylus) und einem Pentameter (Daktylus mit fünf Versfüßen) besteht, die einfache Liedstrophe mit einem regelmäßigen Wechsel von betonten und unbetonten Silben (z. B. Jambus), die Sestine (sechszeilige Strophe mit regelmäßigem Reimschema) und die Verspaarkette, also Verse die nur durch ein einfaches Reimschema verbunden sind.
Die Form des Gedichts zuordnen
Schließlich können Sie das Gedicht einer bestimmten Gedichtform zu ordnen:
- Handelt es sich um eine Ballade, die in regelmäßige Strophen gegliedert ist, gereimt und in einem festen Metrum, außerdem erzählt sie immer eine Geschichte;
- oder um eine Elegie, die in elegischen Distichen (ein weiteres, komplizierteres Versmaß) geschrieben ist und eine traurige Stimmung erzeugt;
- um eine Hymne, ein Preis- oder Lobgesang ohne feste Form um den ekstatischen Charakter auszudrücken;
- um ein Lied, das in verschiedenen Strophen organisiert ist, außerdem einen Refrain besitzt und Reim und Metrum nicht streng durchgehalten werden müssen;
- um eine Ode, die zwar in Strophen gegliedert ist, aber weder Reim, noch Metrum folgen muss, der Stil ist pathetisch und umfangreich;
- oder um ein Sonett, eine strenge Form mit zwei vierzeiligen Strophen, meist abba, abba, und zwei dreizeiligen Strophen, meist cdc, dcd oder cde, cde oder ccd, eed, der Einschnitt zwischen den Strophenblöcken spiegelt sich im Inhalt.
Zweiter Teil der Gedichtanalyse
Nun müssen Sie das zuvor Herausgefundene interpretieren:
- Unterstreicht der Stil den Inhalt des Gedichts? Lässt es sich in eine literarische Epoche einordnen?
- Warum werden einzelne Wörter z. B. durch rhetorische Mittel betont? Handelt es sich zum Beispiel um eine Hymne mit einem feierlichen Lobgesang oder um ein Sonett, dessen starker formaler Einschnitt einen starken inhaltlichen Kontrast abbildet?
Lassen Sie sich auch von dem Gefühl inspirieren, das das Gedicht in Ihnen erzeugt, vor allem jetzt, wo Sie die formale Struktur durchblickt haben.
Wozu eine Gedichtanalyse?
Durch die Analyse des Gedichts können Sie der besonderen Bedeutung des Inhalts auf die Spur kommen und es so nach und nach besser verstehen. Sie erkennen die Komplexität des Gedichts und spüren die Mühe und Bedachtheit, die der Dichter in sein Werk gelegt hat.
