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Dürrenmatt: Theaterprobleme - eine Interpretation des Parabelstücks

Im deutschen Sprachraum war der Schweizer Friedrich Dürrenmatt einer der relevantesten Theaterautoren des 20. Jahrhunderts. Stücke wie "Der Besuch der alten Dame" beweisen seine einzigartige Auffassung von Theater. Explizit wird sein Verständnis von Dramatik in seinem Werk "Theaterprobleme". Schwierigkeiten mit der Gattung Theater gibt es bekanntlich schon seit der Antike. Ob Dürrenmatts Ausführung die Wirkung von Tragödie und Komödie wohl aufschlüsseln kann, um ewig währende Theaterprobleme zu lösen?

Tragödie oder Komödie - was ist optimales Theater?
Tragödie oder Komödie - was ist optimales Theater?

Hang zur Komödie - Dürrenmatts schwebende Parabelstücke

Dürrenmatts Werke werden hauptsächlich als sogenannte Parabelstücke bezeichnet.

  • Der Begriff geht auf Bertolt Brecht zurück und bezeichnet eine didaktische Werksgattung. Das wiederum bedeutet, dass das Parabelstück Lehrcharakter besitzt. Die Gattung baut auf einem Gleichnis auf, das aus Bildbereich und Sachbereich besteht.
  • Dem Rezipienten bleibt es überlassen, den Bildbereich des Gleichnisses in den Sachbereich zu überführen. Das Gesagte oder Dargestellte impliziert einen Lehrschluss über einen Bereich menschlichen Zusammenlebens, der jedoch nur dann deutlich wird, wenn das Publikum das Bild des Gleichnisses auf die Sachebene umdeutet.
  • Das Parabelstück spiegelt nach Brecht die objektive Wirklichkeit des Autors und ist fest in dessen weltanschaulichem System verankert. Unterschieden wird davon in der modernen Forschung das schwebende Parabelstück, als dessen bekanntester Realisator Dürrenmatt gilt.
  • Bekennendermaßen räumte Dürrenmatt der Komödie und Groteske die einzig sinnvolle Stellung ein. Anders als Brechts Aufklärungsansatz will Dürrenmatt mit seinen Parabelstücken kein Modell der Realität konstruieren. Er wendet sich stattdessen dem Paradoxen und Widersinnigen zu, um damit zu spielen. 
  • Grotesk, absurd und kritisch: "Die Physiker" ist eines der bekanntesten Theaterstücke …

  • Theater ist in seinen "schwebenden Parabelstücken" kein Transportinstrument einer Ideologie oder eines festen Weltanschauungssystems. Statt Lehrcharakter stützt Dürrenmatt sich auf Spielcharakter und erforscht die Möglichkeiten des Theaters, verglichen mit Brecht, von einer durchweg gegenteiligen Seite.

Mit "Theaterprobleme" widmet sich Dürrenmatt der Frage nach dem Sinn eines Bühnenstücks in Form eines Aufsatzes. 

Wie Friedrich Dürrenmatt "Theaterprobleme" löst 

Im Standardwerk "Poetik" thematisiert Aristoteles während der Antike den optimalen Aufbau und Inhalt eines Schauspiels.

  • Seine Unterscheidung von Tragödie und Komödie ist bis in die Moderne erhalten geblieben. Der Tragödie wird während der meisten Literaturepochen ein höherer Stellenwert zugesprochen, da sie das Publikum über strukturelle Faktoren, wie die Fallklausel, eher belehren könne.
  • Dürrenmatt schlägt sich mit "Theaterprobleme" auf die gegenteilige Seite. Eine Komödie ermögliche dem Autor das Undenkbare. Die Tragödie sei demgegenüber auf eine strikte Form angewiesen. Die dargestellte Welt sei daher zu konstruiert, während die Welt der Komödie offen, frei gestaltbar und notwendigerweise auf Entwicklung ausgelegt sei.
  • Die Tragödie fordert den Autor laut Dürrenmatts Aufsatz nicht heraus: Sie nimmt sich mit dem großen Leid real Existierendes zum Vorbild und setzt damit weder Kreativität, noch persönlichen Einfall voraus. Die Komödie dagegen sei auf das kreative Moment angewiesen, weil sie sich außerhalb der Grenzen von real Vorstellbarem bewegen kann und eine eigene Welt im Umbruch zeigen darf.
  • Eines gesteht Dürrenmatt der Tragödie aber zweifelsohne zu: Die Überwindung aller Grenzen zwischen Publikum und Schauspiel. Diese Distanzzersetzung sei der Komödie nur unter Umständen möglich. Aus sich heraus baue die Komödie Distanz zu Realität und Rezipienten auf. Einen Zusammenfall dieser Distanz auf Null könne jedoch die kluge Integration tragischer Elemente herbeiführen.
  • Letztlich sieht Dürrenmatt die Theaterprobleme gelöst, wenn sich aus einer Komödienhandlung tragische Komponenten entwickeln. Er beschreibt eine solche Situation aus ihrer Unerwartetheit heraus als "schrecklichen Moment" und "sich öffnenden Abgrund". Der Effekt des Stückes sei so garantiert.

Die Auffassungen des Schweizers zusammengefasst 

Dürrenmatt beschreibt die Tragödie für sich alleine stehend als sinnlos. Die Komödie hingegen erklärt er für sinnvoll und per se erstrebenswert. Während er eine Komödie aus einer Tragödie heraus nicht einmal für möglich hält, beurteilt er eine sich aus der Komödie entwickelnde Tragödie als Optimum des Theaters. Sind die Theaterprobleme damit gelöst? Diese Frage zu beantworten, bleibt jedem selbst überlassen. Literarischen Diskussionsstoff haben Sie mit Dürrenmatts Denkansätzen zumindest genug.

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