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Die Mitleidsethik von Schopenhauer in Zusammenhang mit Nietzsche

Wenn es um das Thema Mitleidsethik geht, ist Schopenhauer bis heute eine unangefochtene Koryphäe. Friedrich Nietzsches Bezug zu seinen Aussagen ist ambivalent - und gerade deswegen interessant.

Mitleid bedeutet, das Leid eines Anderen fühlen zu können.
Mitleid bedeutet, das Leid eines Anderen fühlen zu können.

Schopenhauer und seine Mitleidsethik

Die wissenschaftliche Abarbeitung an Schopenhauers Mitleidsethik füllt Bände. Die wichtigsten Fakten, die Sie benötigen, um seine Grundsätze zu verstehen, sind aber schnell erläutert.

  • Schopenhauer legt, wenn es um den Umgang der Menschen miteinander geht, zunächst das "Ich" und das "Du" fest. Die Unterscheidung ist simpel: Jeder, der nicht ich bin, bist du - jeder, der man selbst nicht ist, ist der andere. Man unterscheidet sich vom anderen dadurch, dass man ihm sprichwörtlich "nur vor den Kopf schauen" kann. Man weiß zwar, was in sich selbst vorgeht, stets aus erster Hand, der andere ist dagegen stets fremd.
  • Das Mitleid, das im Mittelpunkt von Schopenhauers ethischen Abhandlungen steht, durchbricht diese Ich-Du-Schranke. Wie ist das möglich? Ganz einfach: Leid kann man für sich selbst empfinden, aber auch für andere. In diesem Moment fühlt man das Leid des Anderen im Anderen, man fühlt sich für ihn mit schlecht. Genauso funktioniert Mitleid und genau das ist der Durchbruch der Grenze zwischen sich selbst und anderen Menschen.
  • Das Mitleid, so Schopenhauer, wird somit zum Kitt der Gesellschaft. Es verbindet Menschen miteinander, ohne - und das ist erstaunlich - dass es rational gesehen einen Sinn macht. Im Gegenteil: Der Mensch wäre ohne Mitleid viel effizienter. Dennoch ist es in jeder Kultur, in jeder Ethnie, in jeder Religion vorhanden.
  • Somit wird das Mitleid für Schopenhauer zur wahren Grundlage der Moral. Die Fähigkeit, das Leid des Anderen mitzuempfinden, wird zur Triebkraft, dieses verhindern zu wollen. Man handelt moralisch, weil man anderen kein Leid zufügen will, denn man weiß, wie es sich anfühlt.

Nun kennen Sie die Grundzüge von Schopenhauers Mitleidsethik. Aber was hat Nietzsche damit zu tun?

Nietzsche - mit und ohne Mitleid

Zunächst sei gesagt: Friedrich Nietzsches Philosophie ist sehr komplex und unter heutigen Gesichtspunkten teils schwer nachvollziehbar. Vieles, das er erdachte, ist kaum zu verstehen, wenn man seine Lebensumstände nicht kennt.

  • In jungen Jahren war Nietzsche von Schopenhauer angetan. Er las seine Werke und stimmte seiner Mitleidsethik in ihren Grundzügen zu. Dann machte er selbst Mitleidserfahrungen, denn Nietzsche litt während seines Lebens unter starken Kopfschmerzen. Aus diesem Grund wurde er bemitleidet. Diese Erfahrung mag es gewesen sein, die ihn zum Umdenken brachte.
  • Später konstatierte er nämlich: Die althergebrachte Moral sei, genau wie Gott, ein Konstrukt, das den "Herrenmenschen" in seinem Tatendrang bremse. Mit anderen Worten: Wer moralisch denkt, ist nicht so effizient, wie er sein könnte. Ein praktisches Beispiel: Wer als Unternehmer einen Teil seiner Einnahmen spendet, anstatt sie zu investieren, schadet seinem eigenen Unternehmen.
  • Das Mitleid sieht Nietzsche in diesem Zusammenhang genau wie Schopenhauer als Motor der Moral an. Er zieht daraus aber nicht den Schluss, dass es etwas Gutes sei. Vielmehr sieht er es als Bremse für den menschlichen Tatendrang. Hierbei sollte man bedenken, dass er zur Zeit der Industrialisierung lebte und der ständige "Vorwärts!"-Gedanke viel mächtiger war als heute.
  • Dadurch, dass die Elenden bemitleidet werden, so Nietzsche, gewinnen sie Macht über die anderen Menschen, da sie diese ausbremsen. Doch auch die "Herrenmenschen" verschaffen sich durch Mitleid Macht, da sie sich den Elenden überlegen fühlen. So entsteht ein Machtgefüge, das im Endeffekt zu nichts Vernünftigem und zu keinem Fortschritt führt.

Schopenhauer war ein Philosoph, der die Moral und somit das Mitleid befürwortete. Nietzsche erkannte seine Argumentation an, dass das Mitleid der Motor der Moral sei. Er sah die Moral in ihrer damaligen (und bis heute üblichen) Form aber als ein schädliches Konstrukt an. Mitleid, so Nietzsche, bremst den menschlichen Tatendrang.

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