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Die Kulturindustrie nach Adorno einfach erklärt

Mit der "Kulturindustrie" warfen Adorno und Horkheimer einen Begriff in die sozialwissenschaftliche Diskussion ein, der bis heute relevant ist. Doch ist er auch nach wie vor zutreffend? Eine einfache Erläuterung gibt Ihnen darüber weitestmöglich Aufschluss.

Die Massenkultur war für Adorno einst ein Schrecknis.
Die Massenkultur war für Adorno einst ein Schrecknis.

Der Begriff der Kulturindustrie und seine Bedeutung

  • Als Adorno seinen Aufsatz "Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug" schrieb, der in "Dialektik der Aufklärung", das er gemeinsam mit Horkheimer verfasste, erschien, befand er sich im Exil. Adorno stand unter dem Einfluss der Schrecknisse des zweiten Weltkrieges - halten Sie sich dies vor Augen.
  • Der Begriff der Kulturindustrie ersetzt den vorher geläufigen Terminus "Massenkultur". Adorno betonte später immer wieder, dass sich "Industrie" aber nicht auf die Herstellung kultureller Güter bezieht, sondern eher auf das kulturelle System, das die Massenmedien schaffen.
  • Was ist nun genau darunter zu verstehen? Laut Adorno eine Kulturform, die bestimmte, neuartige Merkmale aufweist. Rufen Sie sich die Gesellschaft vor den Zeiten des Kapitalismus und der Aufklärung vor Augen.
  • Kultur war damals ein hohes Gut. Im Volk waren Lieder und Geschichten bedeutungsschwere Möglichkeiten, Historie und Moral zu verbreiten. Im Bürgertum und Adel brachten die Hohen Künste Zerstreuung, waren im Gegensatz zum alltäglichen Leben aber auch frei, unabhängig - das Theater beispielsweise durfte vieles sagen, das dem Bürger verwehrt war.
  • Nun überspringen Sie die Epoche der Aufklärung und versetzen Sie sich in Adornos Zeit. Das kulturelle Gut, das ihn zuletzt stark beeinflusst hat, war der propagandistische Mediengebrauch der Nazis. In zuvor nicht gekannter Form haben Hitler und sein Gefolge, insbesondere Goebbels, die Kultur für ihre Zwecke missbraucht. Denken Sie an die antisemitischen Hetzfilme, die in den Kinos gezeigt wurden. Denken Sie an Massenspektakel wie den Reichsparteitag. Kultur wurde hier Mittel zum Zweck - der Zweck war die Instrumentalisierung der Massen.
  • So ist es kein Wunder, dass Adorno rückblickend einen starken Wandel in der Kultur feststellte. Im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts ist sie laut ihm zu einem Mittel der Gleichmachung geworden. Sie spielt der breiten Masse, in der nun jeder gleichen Zugang zu den gleichen Kulturprodukten hat, die Wirklichkeit vor, die die Führungskräfte gern hätten.

Doch das Motiv der Kulturindustrie funktioniert nicht nur im totalitären Kontext. So wird ihm bis heute eine große Relevanz zugesprochen.

Adornos Theorie in Bezug auf die heutigen Medien

  • Die Kulturindustrie bezeichnet laut Adorno eine Kultur der Masse. Diese Kultur ist gleichförmig, standardisiert und für jeden verfügbar. Dabei denkt natürlich jeder gleich an das Fernsehen. Die Inhalte, die besonders erfolgreich sind, bedienen sich seit vielen Jahren gleicher Konzepte.
  • Eines dieser Konzepte ist das des Reality-TV. Sei es das berüchtigte "Dschungelcamp", seien es Talk Shows oder Doku-Soaps: Wann immer "echte Menschen" mitspielen, verspricht das der Sendung Erfolg. Der Geschmack der Massen wird befriedigt, die Quote ist gesichert.
  • Nun könnte man fragen, was daran denn so schlimm ist. Adorno hätte darauf sicherlich mehrere Antworten parat. Zum einen bewirkt gleichgeschaltete Massenkultur eine Herabwürdigung der Kultur an sich. Sie strebt nicht mehr nach Neuem und Höherem, sondern dient nur noch der Bedürfnisbefriedigung - damit wird sie zu einem reinen Produkt.
  • Zum anderen verfehlt sie durch ihre Produktwerdung ihren eigentlichen Zweck. Denn die Kultur, wie sie heute bekannt ist, soll in erster Linie nicht bilden oder moralische Inhalte verbreiten oder einfach schön sein - sie soll Profit erzielen. Somit wird sie zu einem Herrschaftsmittel, denn der Profit kommt der "Oberschicht" zu und stärkt diese, während er von den unteren Schichten generiert wird.
  • Der dritte Kritikpunkt ist, dass die Kulturindustrie durch Dauerberieselung und Wiederholung den Menschen vom eigenständigen Denken abhält. Kulturelle Inhalte setzen sich im Geist fest und werden zu Gesellschaftsregeln. Sie vermitteln dem Zuschauer (oder Leser/Hörer), was richtig und falsch ist und sorgen für eine Akzeptanz scheinbar allgemeingültiger Regeln, die nicht mehr hinterfragt werden.
  • In den heutigen Medien gibt es allerdings einen bedeutsamen Faktor, der Adornos Thesen widerspricht: Das Internet. Hier wird Kultur nicht von oben geschaffen, sondern von der breiten Masse selbst. Somit ist das Internet ein von der Masse generiertes Massenmedium und weitgehend demokratisch.
  • Eine Umverteilung findet statt: Vieles wird von der Masse in Form von Memes geschaffen, wird dann von den "oberen" Medienmachern aufgegriffen und weiterverbreitet. Somit ist strittig, ob Adornos These von der Kulturindustrie mit der Verbreitung des Internets nicht immer mehr an Relevanz verliert.

Fazit: Adorno hat unter dem Eindruck der Nazi-Propaganda richtig erkannt, in welche Richtung sich die Medien in den Folgejahrzehnten entwickeln würden. Kultur ist zu einem Allgemeingut geworden, das, nach Profit ausgerichtet, die Massen berieselt. Doch das Internet bringt seine These ins Wanken, da die Masse hier aktiv mitgestalten kann. Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich die Kultur weiter entwickelt.

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