Deutsche heiratet Türken - Anregungen zur Überwindung kultureller Schranken

Glück ist keine kulturelle Frage. Glück ist keine kulturelle Frage.
Es scheint, als sei ganz Deutschland das Pauschalisierungsfieber ausgebrochen. Da gibt es die Türken, die Deutschen, die Muslime und die Christen und jeder weiß ganz genau, wie der andere so tickt. Da stellt der besorgte Schwiegervater die Frage nach dem Schweinefleisch, wundert sich über vermeintlich zu freizügige Frauen und denkt darüber nach, ob man zu Integrationszwecken besser Bier statt Cay trinkt. Über türkische Erziehungsmethoden diskutieren gleich 80-Millionen Integrationsexperten. Da gilt es auf beiden Seiten Schranken niederzureißen, wenn ein gemischtes Pärchen heiratet.
Markus Köhler
26.10.2011 Markus Köhler

Die Situation hier lebender Türken in Kürze

  • Machen Sie sich und dann Ihre Eltern mit der Bevölkerungssituation bekannt. In der Türkei leben nicht "die Türken", sondern ein unendlicher Mischmasch verschiedenster Bevölkerungsgruppen vom Balkan bis nach Zentralasien und nach Arabien. Also gibt es "die" Türken als monolithischen Volksblock schon einmal nicht. Wenn die Regierung in Ankara heute von Türken spricht, so geht es hier um den sprachlichen und ethnischen Kontext der Turkvölker, die aus Zentralasien einwanderten.
  • Das Türkische hat sich am Ende des Mittelalters mit zunehmender Einwanderung als allgemeine Umgangssprache durchgesetzt. Da aber zu dieser Zeit immer noch bedeutende Bevölkerungsteile Perser, Griechen und Araber in der Türkei lebten, kann der Türke im heutigen Sinne, wenn überhaupt, dann nur über die Sprache identifiziert werden, zumal die türkische Verfassung in Art. 3 heute konsequent von Türken spricht, auch wenn sie so unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, wie Kurden, aramäische Christen, Tscherkessen und syrische Bauern einschließt (die zum Teil türkisch auch nur als Zweitsprache beherrschen).
  • Ebenso vielfältig ist die Situation im Hinblick auf die geistige Segmentierung. Vom weltlich aufgeklärten Istanbul bis hin zur Sufi-Hochburg Konya und bis hin ins tief konservative Hinterland Anatoliens, wo archaische Traditionen islamisch eingefärbt weiter fortleben, reicht die Vielfalt.
  • Allerdings ist hier diese Vielfalt nicht ganz so ausgeprägt. Der Grund liegt darin, dass ein Großteil der hier lebenden türkischstämmigen Landsleute von den sogenannten Gastarbeitern abstammt, deren "Problem" es war, dass sie obendrein auch noch Menschen waren (um Max Frisch zu seinem Recht kommen zu lassen). Als Gastarbeiter kamen sie, weil sie aus den ärmeren Schichten und Gegenden der Türkei kamen, als Menschen blieben sie, weil sie heirateten und Kinder in die Welt setzten. Und als Individuen waren sie mehr oder weniger tief in ihren Traditionen verwurzelt. Diese Traditionen und oft nur das Missverständnis davon ist es, was heute die kulturellen Schranken aufbaut, die Sie nun überwinden müssen.

Kulturelle Schranken für Deutsche

  • Kulturelle Schranken in der Religion: Hier ist es zunächst wichtig, dass sich beide Partner über ihr Bekenntnis klar werden. Die meisten türkischstämmigen Landsleute sind Muslime. Die meisten sogenannten "Biodeutschen" sind es nicht. Wichtig ist nun, dass beide Seiten sich über die Erziehung etwaiger Kinder klar werden. Dies ist ganz besonders dann wichtig, wenn beide Partner ihrem Bekenntnis treu bleiben. Einzelne besonders konservative islamische Kleriker machen eine Konversion der Frau sogar zur Bedingung, um eine Trauung in ihrer Moschee zu vollziehen. Es handelt es sich zwar um eine Mindermeinung, aber sie macht deutlich, dass es hier auch darum geht, in welcher Tradition in der Familie gelebt wird.
  • Dementsprechend sollten beide Seiten anerkennen, dass die Frage von Bekenntnis und Tradition gestellt und diskutiert werden muss und dass Bekenntnis und Tradition beider Seiten ernst genommen werden müssen. Dies ist eine Übereinkunft, die auf beiden Seiten bestehen muss, bevor man überhaupt miteinander spricht, erst recht aber, wenn Sohn und Tochter verheiratet sind. Sie können hier zur Unterstützung die christliche Partei zum Fastenbrechen einladen oder andersherum zum Weihnachtsessen, aber nur, wenn beide Parteien sich auf Augenhöhe begegnen.
  • Konfrontieren Sie sich nicht mit Niederlagen und Errungenschaften. Auch hier ist wieder Empathie das Zauberwort. Der marokkanische Schriftsteller Mohamed Choukri sagte einmal, dass "wenn Sprache der Schlüssel zu einer Kultur" sei, die "Musik der Schlüssel zum Herz dieser Kultur" sei. Nutzen Sie die Musik! Nutzen Sie Kultur! Nun ist nichts gewonnen, wenn der türkische Teil Heino serviert bekommt und der deutsche Teil schmalzige Arabesk-Musik. Beide Seiten werden Ihre Klischees bestätigt sehen. Zwei Familien, deren Kinder verheiratet sein werden, verdienen nur das Beste. Die Höhepunkte beider Kulturen!!
  • Wie wäre es mit einer Schmuckausgabe des West-Östlichen-Diwans von Johann Wolfgang von Goethe? Wie wäre es, wenn man sich dafür mit einer zweisprachigen Ausgabe des Humanisten, Mystikers und Dichters Yunus Emre revanchiert? Geschenke zeigen die Wertschätzung füreinander, können als Türöffner wirken und nebenbei auch noch Vorurteile abbauen, wenn sie gut überlegt sind.
  • Ein guter Eisbrecher bei einem ersten Treffen wäre es, wenn man den Respekt füreinander wirklich praktisch erfahrbar machen würde. Eine Hauptsorge gilt oft dem Essen, man sagt auch: Liebe geht durch den Magen. Wäre dieser Sorge nicht leicht der Boden entzogen, wenn die Schwiegertochter ein türkisches Gericht, der Schwiegersohn ein deutsches Gericht (halal) zubereiten könnte?

Auch wenn man mit diesem Thema ganze Bibliotheken füllen könnte, hofft der Verfasser doch, dass das eine oder andere Wort zur Überwindung kultureller Schranken hilfreich sein kann.

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