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Biopsie am Auge - Erfahrungsbericht

Schwarzer Hautkrebs ist noch immer eine der bösartigsten Erkrankungen, die existieren. Erkrankungstendenz stetig steigend. Ist ein Muttermal auffällig, kann es per Biopsie entnommen und untersucht werden. Die Früherkennung ist enorm wichtig. Ein regelmäßiger Check beim Hautarzt ist daher empfehlenswert. Aber nicht nur beim Hautarzt - auch der Augenarzt hat hier etwas zu tun. Muttermale und Hautkrebserkrankungen gibt es nämlich auch im Auge.

Das Biopsie-Gewebe wird in Immunkulturen auf Gut- und Bösartigkeit untersucht.
Das Biopsie-Gewebe wird in Immunkulturen auf Gut- und Bösartigkeit untersucht.

Schockdiagnose "melanotische Bindehautläsion"

"Das sollte sich jemand aus der Augenklinik ansehen." sagt mein Augenarzt bei einer Kontrolluntersuchung. "Eine geplatzte Ader ist das nicht. Das ist dunkelbraunes Pigment."

  • Melanotische Veränderung der Binde- und Hornhaut, so nennt es der Fachmann. In seltenen Fällen handle es sich dabei um eine tumoröse Veränderung. Bösartiges Melanom der Bindehaut würde man es in diesem Fall nennen. "Aber ich will Ihnen keine Angst machen!" sagt mein Arzt. Bei Menschen von südländischem und dunklem Hauttyp sei das "muttermalähnliche Pigment im Auge" meist nicht bedenklich. 
  • Beruhigt bin ich nicht. Als ich in der Augenklinik aufschlage, warte ich mehrere Stunden auf eine Untersuchung. Meine Pupillen werden mit Tropfen erweitert und man fotografiert meinen Augenhintergrund, um einen Tumor hinter dem Auge auszuschließen. Als die Assistenzärztin mein Lid anhebt, um darunter sehen zu können, verschlägt es ihr die Sprache. Pigment, wohin man auch sieht. Ich werde zu einem Oberarzt geschickt.
  • Die Stimmung ist gedrückt. Entweder sei diese ausgedehnte Veränderung ein Nävus, also ein Muttermal, oder es sei ein tumoröses Bindehautmelanom. Mir wird übel. Ein Nävus sei eigentlich von Geburt an da, höre ich sie noch sagen. Es müsse umgehend eine Gewebeprobe entnommen werden, um sichergehen zu können.
  • Man schickt mich zum Chefarzt der Klinik. Zuvor wird die melanotische Läsion in meinem Auge fotodokumentiert, damit in Zukunft Veränderungen festgestellt werden können. Solche sind immer verdächtig, sagen sie. Auch ein gutartiges Muttermal könne dunkler werden, neu entstehen oder wachsen, das aber nur sehr langsam. "Was Sie da haben, sollte regelmäßig untersucht werden!" sagt der Chefarzt. So etwas könne schnell von gut- zu bösartig kippen. Mir wird immer mulmiger. Die Farben werden Grau. Zwei Wochen muss ich auf die Biopsie warten. 

Nach 14 Tagen ununterbrochenem Googlen ist es endlich soweit.

Googles (Schein-)wissen über Bindehauttumore 

Als ich für meine Biopsie stationär in die Augenklinik einchecke, weiß ich dank Google deutlich mehr als vorher. Hätte ich doch nicht gegooglet! Jetzt weiß ich, was Sache ist, aber beunruhigt bin ich nur noch mehr, denn mein neu erworbenes, höchstbeängstigendes Wissen lautet wie folgt:

  • Bindehauttumore sind meist gutartig: Am häufigsten handelt es sich um Nävi. Andere pigmentierte Läsionen können beispielsweise durch Stoffeinlagerungen von Kosmetika oder Metallen entstehen. Außerdem können Pigmentierungen ethnischer Herkunft auftreten.
  • Ich frage meine Ärzte nach diesen Möglichkeiten, doch sie schütteln bedrückt den Kopf. Was da in meinem linken Auge zu sehen sei, könne nichts dergleichen verursacht haben, denn verdächtig seien alle Bindehautläsionen, die besonders ausgedehnt, dick oder dunkel sind. Auch solche, die plötzlich auftreten seien bedenklich. Bis auf den Punkt Dicke, trifft all das auf mich zu.
  • Google hat mir verraten, dass am bösartigen, pigmentierten Melanom der Bindehaut pro Jahr lediglich 1 - 2% der Bevölkerung erkranken. Das Durchschnittsalter für diese Form der Hautkrebs-Erkrankung liege bei 45 Jahren, sagt das Internet. Ich bin 25. Tja, Ausnahmen machen die Regel, erwidern meine Ärzte.
  • Meist entstehen Bindehautmelanome aus einer vorausgegangenen, erworbenen Melanose der Bindehaut, sagen sie mir. Etwas seltener entstehen sie aus einem Muttermal und fast nie ob ovum, also unmittelbar. Eine Melanose der Bindehaut hatte ich etwa 11 Jahre zuvor. Dass eine solche nach 10 Jahren zu einem Melanom transformiert sei selten, aber nochmal - Ausnahmen machen die Regel. Außerdem könnten starkes Rauchen und starke Sonneneinstrahlung die Transformation in Gang setzen. Rauchen tue ich. Draußen bin ich immer.
  • Je mehr Ärzte mein Auge begutachten, desto hoffnungsloser werde ich. Unterstützen tut das einmal mehr das Internet - Bindehautmelanome streuen extrem rasant, erfahre ich. Die Sterblichkeit sei noch immer sehr hoch - in den ersten 5 Jahren liege sie bei 30%. Die Rezidiv- soll heißen Widererkrankungsrate - liege sogar noch höher. 
  • Eine vollständige Entfernung mit lokaler Bestrahlung sei die Therapie der Wahl. Tja, vollständig entfernt kann meine ausgedehnte Läsion nicht werden. Da müssten sie mir schon das ganze Auge entnehmen. Moment: Werden sie das etwa?
  • Je länger ich auf die Biopsie warte, desto wirrer werden meine Gedanken. Ich erzähle jedem, dass ich mein Auge entfernen lassen will - nur um sicher zu gehen, denn ich will ans Meer, ich will noch reisen, ich will Kinder, ich will leben. Ich verängstige Freunde und Familie. PS: Tut mir leid, ihr Lieben, und vielen Dank, dass ihr da wart! Obwohl sie aber da sind entwickle ich eine Besessenheit. Niemand kann mich mehr beruhigen. "Ihr könnt mir sowieso nicht helfen!" werfe ich ihnen vor.

Als der Tag des Eingriffes gekommen ist, bin ich ein psychisches Wrack. Ich kriege Augentropfen zur örtlichen Betäubung und liege in OP-Gewand in der Warteschleife zum Operationssaal.

Bindehautbiopsie - Augen zu und durch!? 

Ich werde von dem erfahrensten Arzt der Klinik operiert - einer der besten Deutschlands, aber Angst habe ich immer noch.

  • Sie decken mein Gesicht mit einer Art Plane ab. Nur ein Loch für mein Auge bleibt. Mein Lid stülpen sie über die Lochöffnung. Alles fühlt sich schwer und pelzig an. Über mir sehe ich das blendend helle Licht der OP-Leuchte. Ich höre Scheppern, als der Chefarzt zur Stanze greift.
  • Ja, das Gewebe wird aus meinem Auge herausgestanzt. Der Vorgang wird mit einer Führungskanüle durchgeführt, damit keine möglichen Tumorzellen im Körper verteilt werden. Probeexisionsbiopsie nennen sie das Ganze. Sie wollen vorsichtshalber so viel der Läsion entfernen wie möglich. Zumindest aber brauchen sie je eine Probe von allen auffälligen Stellen.
  • Auf Aufforderung des Chirurgen bewege ich mein Auge nach oben, nach unten, zur Seite. Nur so erreicht er alle Stellen. Deswegen wohl die örtliche Betäubung. Wenn die nur helfen würde! Bei mir tut sie es nicht. Sie legen eine Spritze nach, die ich wie in einer Point-of-View-Aufnahme von Horrorfilm SAW direkt auf mein Auge zukommen sehe. Es tut kurz weh, doch wenigstens spüre ich den Rest nicht mehr.
  • Die tatsächliche OP dauert 15 Minuten. Danach bin ich benebelt, aber mehr von meiner Angst als von der Betäubung. Ich soll noch eine Nacht zur Beobachtung bleiben. Na denkste! Eine halbe Stunde später gehe ich nach Hause. Die Ergebnisse lassen sie mich per Telefon wissen, sagen sie.
  • Die Zeit des Wartens beginnt - mindestens eine Woche soll es dauern, denn sie müssen Immunkulturen anlegen, um Gut- oder Bösartigkeit bestimmen zu können. Ich erwarte, dass ich verrückt werde, doch etwas Unvorhergesehenes passiert.

Warteschleife - wie lange dauern Biopsieergebnisse?

Während ich auf die Ergebnisse warte beginne ich - ewiger Pessimist - zum größten Optimisten zu werden.

  • Meine langjährige Beziehung geht zuende. Nicht wegen des Tumorverdachts, doch der hat meine größte Schwachstelle glasklar werden lassen. Kurz nach der Biopsie am Auge werden mir die Augen über mein größtes Problem geöffnet - es ist Leben. Glücklichsein. So einfach es sich anhört.
  • Plötzlich habe ich keine Angst mehr. Plötzlich bin ich nicht mehr vom Unglück besessen. Einen Tag lang habe ich noch ein Pflaster auf dem linken Auge, doch ich sehe klarer als je zuvor: Ich kann glücklich sein. Einfach so. Einfach jetzt. Ich kann für die da sein, die ich liebe, indem ich für mich stark bin. An den zukünftigen Ergebnissen kann ich ohnehin nichts ändern, denke ich mir. Ich bin hier. Ich bin jetzt. Ich bin - ich lebe.
  • Ich vergesse die Ergebnisse fast. Google wende ich den Rücken zu, so beschäftigt bin ich mit dem Leben. Ich gehe vom Besten aus und freue mich, dass meine Nähte nicht ziehen und deshalb nicht gezogen werden müssen. Ich freue mich, dass meine Bindehaut nach zwei Tagen Antibiotikatropfen verheilt ist. Ich freue mich über alles Positive. Ich freue mich über alles.
  • Als ich die Ergebnisse erhalte, sind mehr als 14 Tage vergangen. Immunkulturen dauern ihre Zeit: Es wird überprüft, ob das Gewebe sich in einer Kultur wie gesundes oder krankes verhält. Nach 14 rasant vergangenen Tagen voller Optimismus und Leben sagen sie mir, ich hätte kein Melanom. Es handle sich um eine erworbene Melanose - die oberste Schicht des Gewebes sei atypisch, doch das könne durch eine "topische Therapie" mit Interferon-Augentropfen behoben werden.
  • Das sei deshalb sinnvoll, weil Melanosen mit Atypie ein höheres Risiko für eine Melanomerkrankung sind. Manche würden sogar von einem "Melanom in situ" sprechen. Ich willige auf den Therapievorschlag ein. Fünf Mal täglich erhalte ich über 2 Monate Augentropfen. Nebenwirkungen spüre ich nicht. Es geht mir wieder gut.
  • Was habe ich aus meiner Biopsie am Auge gelernt? Gelassenheit und Zuversicht. Ein Tumorverdacht ist immer ein Schock. Für Betroffene habe ich daher nur einen Rat: Loslassen und grundlos Glücklichsein. Dunkle Zeiten lassen sich nur aktiv mit eigenem Licht erhellen. Und bitte nicht googlen, weil auch Wissen meiner Erfahrung nach irgendwann mehr zerstört als zu helfen.

Statt "Augen zu und durch!" müsste es hier heißen: "Augen auf und leben!"

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