Alle Kategorien
Suche

Alan A. Milne's "Winnie-the-pooh" - die amerikanische und die sowjetische Verfilmung

Die Abenteuer von Pu dem Bären und seinen Freunden, erfunden von dem Schriftsteller Alan A. Milne, haben nicht nur die Kinderliteratur bereichert. Die beiden Bücher "Winnie-the-pooh" und "The house at Pooh corner" von 1926 und 1928 wurden darüber hinaus als Grundlage für mehrere Verfilmungen benutzt. Durch den enormen Berühmtheitsgrad des Produzenten Walt Disney ist vor allem die amerikanische Variante bekannt geworden. Nur wenige Leser beziehungsweise Zuschauer wissen, dass es auch eine sowjetische Verfilmung gibt, die etwa zur gleichen Zeit entstanden ist.

Die sowjetische Verfilmung des Kinderbuchklassikers ist auf einer Briefmarke verewigt worden.
Die sowjetische Verfilmung des Kinderbuchklassikers ist auf einer Briefmarke verewigt worden.

Zum Inhalt der literarischen Vorlage

  • Die Entstehungsgeschichte der Abenteuer von Pu und seinen Freunden ist von autobiografischen Hintergründen geprägt. Der Verfasser schrieb die Geschichten für seinen Sohn Christopher Robin. Dieser ist die indirekte Hauptfigur des Romans, denn "Winnie-the-pooh" ist sein Teddybär. Neben diesem Bären gibt es jedoch noch andere Kuscheltiere, die ebenfalls Teil der Geschichte sind und denen der Verfasser auf literarische Weise Leben einhaucht.
  • Die Tiere, die in den beiden Romanen Pus Freundeskreis darstellen, sind Ferkel (Piglet), Eule (Owl), der Esel I-Ah (Eeyore), Kaninchen (Rabbit), Känga (Kanga), Ruh (Roo) und Tieger (Tigger). Sowohl im englischen Original als auch in der deutschen Übersetzung von Harry Rowohlt verraten die Namen eine Liebe zum Sprachspiel, die sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman zieht.
  • Sämtliche Figuren in der Geschichte verfügen über bestimmte Charaktereigenschaften. Gerade ihre Schwächen stellt der Verfasser besonders liebenswert und kindlich dar, ohne auch nur ein einziges Mal in einen spöttischen Tonfall abzudriften. Pu ist, wie er selbst am allerbesten weiß, ein Bär von geringem Verstand, lange Wörter jagen ihm Angst ein. Am liebsten vertreibt er sich die Zeit damit, Honig zu essen oder Lieder zu erfinden. Sein bester Freund ist das kleine Ferkel, das ein ebenso freundliches und hilfsbereites wie ängstliches Tier ist. Eule ist das klügste Tier im Wald, da sie die einzige von allen ist, die das Wort "Dienstag" buchstabieren kann. Dass sie dabei etliche Fehler macht, stört keinen im Wald, und Eule fühlt sich in ihrer Rolle als weisestes Tier durchaus wohl. Sie hat eine Vorliebe für lange Sätze und komplizierte Wörter, mit denen sie bei jeder Gelegenheit herumjongliert. Kaninchen ist ebenfalls sehr klug, allerdings auf eher bodenständige Weise. In seiner Ernsthaftigkeit bildet es den Gegenpol zur Naivität von Pu, der stets klar und einfach denkt. Etwas abseits aller Tiere im Wald steht schließlich der Esel I-Ah. I-Ah ist stets missmutig und pessimistisch, er sieht sich permanent vom Leben und allen anderen Waldbewohnern benachteiligt. Darüber hinaus hat er eine deutliche Vorliebe für Ironie und Sarkasmus, sodass seine Kommentare oft an der Schwelle zwischen Kinder- und Erwachsenliteratur angesiedelt sind.
  • Känga, Ruh und Tieger werden nicht gleichzeitig mit allen anderen Charakteren vorgestellt, sondern erst ein wenig später. Känga, das Känguruh, ist Ruhs Mutter und füllt diese Rolle prächtig aus. Nicht nur um das Wohl ihres eigenen Kindes ist sie stets besorgt, sondern auch um das von Tieger, dem besten Freund von Ruh. Tieger zeichnet sich vor allem durch die Eigenschaft aus, ungestüm zu sein, was bedeutet, dass er am liebsten herumtobt und gerne auf jemanden draufspringt.
  • Neben der liebenswürdigen - und sowohl inhaltlich als auch sprachlich ebenso kindgerechten wie anspruchsvollen - Darstellung bewegen sich die Geschichten manchmal an der Schwelle zwischen Fiktion und Realität, zumal Christopher Robin als Sohn des Verfassers mit einbezogen wird. Während er in den ersten Geschichten noch oft im Kreise seiner Freunde zu sehen ist, erfährt der Leser an anderer Stelle, dass er morgens nicht da ist, weil er zur Schule geht. Am Ende des zweiten Buches verabschiedet sich Christopher Robin von seinen Freunden, ohne zu sagen, wohin er geht. Der erwachsene Leser kann hieraus schließen, dass der Junge zu alt geworden ist für seine Kuscheltiere und sich nun lieber mit anderen Dingen beschäftigt. Die Geschichte endet jedoch versöhnlich, da der Verfasser darauf hinweist, dass die Freundschaft zwischen Christopher Robin und Pu dem Bären niemals enden wird, egal wohin er auch geht.

Die amerikanische Verfilmung von Walt Disney

  • Der bekannte amerikanische Filmproduzent Walt Disney war von Milnes Geschichte um den Bären Pu so begeistert, dass er beschloss, aus der literarischen Vorlage einen Film zu machen. In diesem Zusammenhang entstanden zunächst drei Kurzfilme, die sich jeweils mit einem Kapitel aus den Büchern befassten. 1977 wurden diese drei Episoden schließlich zu einem abendfüllenden Kinofilm mit dem Titel "Die vielen Abenteuer von Winnie Puuh" zusammengefasst.
  • Die typischen Charakteristika, die Disney-Filme so berühmt gemacht haben, sind auch in diesem Film deutlich erkennbar. Die Tiere sind eine perfekte Mischung aus Kuscheltier und lebendigem Wesen. Die niedlichen Gesichter mit den unwiderstehlichen Knopfaugen spiegeln jegliche emotionale Regung wider, sodass jedes Kind sie sofort ins Herz schließen wird. Auch die Original- beziehungsweise Synchronstimmen sind so ausgesucht, dass sie die typischen Eigenschaften der einzelnen Tiere gut wiedergeben. So ist Pus Stimme ruhig und gemütlich, die von Ferkel ein wenig hektisch und in deutlich höherer Lage, und I-Ah redet stets extrem langsam und mit tiefster Bassstimme.
  • Mit den Zeichnungen entspricht Disney nicht nur dem Ideal, das er auch in seinen anderen Filmen verfolgte. Er hält sich auch konsequent an die künstlerische Vorlage von Ernest Shepard, der die Zeichnungen zu Milnes Geschichten erstellte.
  • Die Zeichentrickversion von Winnie Puuh konnte so immense Erfolge verbuchen, dass die Disney-Studios im Laufe der Zeit weitere Produktionen durchführten. Auf diese Weise ist nicht nur zwischen 1988 und 1991 eine Zeichentrickserie entstanden, sondern auch eine ganze Reihe von Spielfilmen, zum Beispiel "Winnie Puuh auf großer Reise" von 1997 oder "Tiggers großes Abenteuer" von 2000.
  • Während die ersten drei Kurzfilme sich auf Walt Disneys Anweisung hin noch streng an die Originalvorlage hielten, basieren die Folgeproduktionen nur noch zum Teil auf den Geschichten von Alan A. Milne. Grund dafür mag die Tatsache sein, dass die begrenzte Anzahl von Geschichten nicht mehr für alle Verfilmungen ausreichte und den kindlichen Zuschauern neue Abenteuer mit den bekannten Figuren geboten werden sollten.

Der ungewöhnliche Charme der sowjetischen Variante

  • Zur gleichen Zeit, als die ersten drei amerikanischen Kurzfilme entstanden, wurde Milnes literarische Vorlage auch in der Sowjetunion von Fjodor Chitruk als Basis für einen Animationsfilm verwendet. Nach dem ersten Film von 1969 wurden 1971 und 1972 noch zwei weitere produziert, die jeweils etwa zehn Minuten dauern und sich, ähnlich wie die Disney-Produktionen, mit jeweils einem Kapitel aus den Büchern beschäftigen.
  • Obwohl nach diesen drei Episoden keine weiteren folgten, erfreuen sich die "Winnie Puuh"-Filme bis heute größter Beliebtheit und sind nach wie vor Bestandteil des russischen Fernsehens. Für seine Produktion erhielt Fjodor Chitruk 1976 den Staatspreis der UdSSR.
  • Bei einem Zuschauer, der hinsichtlich der Verfilmung nur an die amerikanische Version von Walt Disney gewöhnt ist, wird die sowjetische Version möglicherweise zunächst leichtes Befremden hervorrufen. Die Tiere sehen nicht nur ganz anders aus als in der zeichnerischen Vorlage, sondern haben auf den ersten Eindruck hin äußerst wenig mit der Assoziation typischer Kuscheltiere gemein. Pu der Bär - im Russischen "Winni Puch" genannt - ist nicht orangefarben, sondern dunkelbraun, und seine Füße und Arme scheinen direkt aus seinem Bauch herauszuwachsen. Er redet sehr schnell und ist in seinem ganzen Gehabe rauer als das amerikanische Pendant. Seine Stimme ist nicht tief, aber von dunklem Timbre, und sein Gesang gleicht einem nahezu militärisch angehauchten Grölen, bei dem zwar ein Rhythmus, aber nicht unbedingt eine Melodie zu erkennen ist. Durch die liebenwürdige, auf Kinder abgestimmte musikalische Untermalung jedoch fällt diese Assoziation nicht negativ ins Gewicht, sondern versprüht lediglich einen ganz eigenen Charme und ist dadurch sehr amüsant.
  • Die gesamte Aufmachung der Kurzfilme ist geprägt von einer naiven Kindlichkeit, zumal auch die Natur nicht realistisch gezeichnet ist, sondern wie von Kinderhand erstellt. In einer Szene stehen Winnie Puuh und Ferkel beispielsweise inmitten einer Wiese von bunten Blumen, Bäumen und Insekten, die alle überdimensional groß und farbenfroh, aber äußerst einfach gemalt sind. Dieses Bild ist so typisch, dass es 1988 sogar auf einer Briefmarke verewigt worden ist.
  • Obwohl die filmtechnische Umsetzung deutlich von den Zeichnungen des Originals abweicht, hält sich der Produzent hinsichtlich des Inhalts konsequent an die Vorlage - mehr noch, als es in den Disney-Filmen der Fall ist. Über weite Strecken werden Passagen nahezu wortwörtlich aus dem Original zitiert. Dies schließt auch jene sarkastischen beziehungsweise sprachlich wunderlichen Zitate ein, die der Esel I-Ah gelegentlich äußert. Auf Winnie Puuhs Frage beispielsweise, wie es ihm gehe, entgegnet er: "Nicht sehr wie. Mir scheint es schon seit längerer Zeit überhaupt nicht mehr gegangen zu sein." Die grammatikalische Unsinnigkeit dieser Aussage wird Kindern kaum auffallen, Erwachsene dagegen werden die charmante Art von Sprachwitz sofort durchschauen. Auf diese Weise werden die Geschichten nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene zu einer gelungenen Unterhaltung. Diesen Aspekt zeigt die sowjetische Filmvariante ungleich deutlicher als die amerikanische, welche in erster Linie die Niedlichkeit der Figuren hervorhebt.
Teilen: