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Ablativus absolutus - Erklärung

Viele Schüler betrachten den Ablativus absolutus als ausgemachtes „Schreckgespenst“ der lateinischen Grammatik. Die Furcht und Unsicherheit angesichts jenes häufig anzutreffenden Wortblocks im Ablativ schlägt sich darin nieder, dass der Ablativus absolutus in der Regel zu den typischen Fehlerquellen beim Übersetzen gehört. Trotzdem muss sich jeder Lateinschüler im Laufe seines Sprachunterrichts damit befassen. Wer einmal „in den sauren Apfel beißt“ und sich von Anfang an mit dem neuen, leicht kniffligen Grammatikkapitel intensiv beschäftigt, wird bei der späteren „Entschlüsselung“ des Ablativus absolutus – der einer immer gleichen Gesetzmäßigkeit folgt – nahezu keine Probleme mehr haben.

Der Ablativus absolutus bedarf einer guten Erklärung – dann stellt er keine Schwierigkeit mehr dar.
Der Ablativus absolutus bedarf einer guten Erklärung – dann stellt er keine Schwierigkeit mehr dar.

Erklärung des Ablativus absolutus - Grundschema und Zeitverhältnis

  1. Im lateinischen Satz wird die Hauptaussage oft durch eine weitere Aussage ergänzt: Dies geschieht häufig durch einen Ablativus absolutus. Er besteht aus einem Nomen im Ablativ und einem Partizip, das mit dem Nomen kongruiert.
  2. Das Nomen des Ablativus absolutus erhält in der Übersetzung übernimmt die Funktion des Subjekts, das kongruierende Partizip die Funktion des Prädikats. Die Aussage des Ablativus absolutus und die Hauptaussage des Satzes werden addiert. Beispiel: „Hostibus repulsis milites in castra redierunt.“ Erste Aussage: „Die Feinde (jetzt im Nominativ: Wer oder was?) waren zurückgeschlagen worden.“ Zweite Aussage: „Die Soldaten sind in das Lager zurückgekehrt.“ Addierte Aussagen: „Nachdem die Feinde zurückgeschlagen worden waren, sind die Soldaten in das Lager zurückgekehrt.“
  3. Die Zeitform des verwendeten Partizips gibt das Zeitverhältnis an, das zwischen der ersten Aussage (im Ablativus absolutus) und der zweiten Aussage (im übergeordneten Prädikat) besteht. Um das Zeitverhältnis richtig übersetzen zu können, muss man zunächst das Tempus des übergeordneten Prädikats im Hauptsatz bestimmen. Betrachtet man das obige Beispiel, so handelt es sich bei „redierunt“ (übergeordnetes Prädikat) um ein Perfekt. Danach untersucht man das Partizip des Ablativus absolutus: „Repulsis“ ist ein Partizip Perfekt, d.h. ein Partizip der Vergangenheit. Ein solches weist immer auf das Zeitverhältnis der Vorzeitigkeit hin. Das bedeutet: Der Inhalt des Ablativus absolutus passierte zeitlich vor dem Inhalt des übergeordneten Prädikat. Ausgangspunkt ist also die Zeitstufe „Perfekt“ von „redierunt“. Nun geht man eine Zeitstufe zurück, um die Vorzeitigkeit zu erreichen und gelangt so zur Zeitstufe des Plusquamperfekts. Fazit: Die übersetzte Aussage des Ablativus absolutus muss im Plusquamperfekt stehen. 
  4. Weiteres Beispiel: „Signo dato omnes ad forum concurrerunt.“ Das Partizip Perfekt des Ablativus absolutus  („dato“) bedeutet wiederum Vorzeitigkeit gegenüber dem übergeordneten Prädikat „concurrerunt“ (Tempus: Perfekt). Übersetzung: „Nachdem ein Zeichen gegeben worden war, sind alle beim Forum zusammengelaufen.“ (Das Zeichen wurde also vor der Aktion des Zusammenlaufens gegeben).
  5. Neben dem Zeitverhältnis der Vorzeitigkeit kann auch das Zeitverhältnis der Gleichzeitigkeit vorkommen: Jenes wird durch das Partizip Präsens vorgegeben. Das besagt: Der Inhalt des Ablativus absolutus passiert im Falle eines Partizip Präsens gleichzeitig mit dem Inhalt des übergeordneten Prädikats. Beispiel: „Nihi dicens amicus abiit.“ Zunächst die Tempus-Bestimmung beim übergeordneten Prädikats: Bei „abiit“ handelt es sich um ein Perfekt. Danach die Untersuchung des Partizips: Bei „dicens“ handelt es sich um ein Partizip Präsens – und somit um ein Zeitverhältnis der Gleichzeitigkeit. Fazit: Die Aussage des Ablativus absolutus muss im vorliegenden Beispiel in der gleichen Zeitstufe wie das übergeordnete Prädikat stehen, also im Perfekt („Der Freund ist weggegangen, ohne dass er etwas gesagt hat.“ ).
  6. Die temporale Konjunktion „nachdem“ ist nur eine der möglichen Sinnrichtungen für die „Aufschlüsselung“ des Ablativus Absolutus.  Es gibt noch eine Reihe anderer Sinnrichtungen, die auswendig gelernt werden sollten, damit sie bei jedem Ablativus absolutus als mögliche Übersetzung geistig eingesetzt und auf „Passgenauigkeit“ überprüft werden  können.

Verschiedene Sinnrichtungen beim Übersetzen des Ablativus absolutus

  1. Die temporale (d.h. zeitliche) Sinnrichtung: „Carminibus dictis omnes abierunt.“  - „Nachdem/Als die Lieder gesungen worden waren, sind alle weggegangen.“ (Vorzeitigkeit) - „Sacerdote manus tollente omnes tacent.“ - „Während/Solange der Priester die Hand hebt, schweigen alle.“(Gleichzeitigkeit)
  2. Die kausale Sinnrichtung (gibt den Grund an): „Parentibus suadentibus domi mansimus.“ - „Weil/Da die Eltern dazu geraten haben, sind wir daheim geblieben.“ (Gleichzeitigkeit)
  3. Die modale Sinnrichtung (gibt die Art und Weise an): „Romani urbem expugnaverunt nullo defente.“ - "Die Römer haben die Stadt erobert, ohne dass sie jemand verteidigt hat.” (Gleichzeitigkeit)
  4. Die konditionale Sinnrichtung (gibt die Bedingung an): „Opere confecto quiescere licet.“ -„Falls/Wenn die Arbeit vollendet wurde, darf man ruhen.“ (Vorzeitigkeit)
  5. Die konzessive Sinnrichtung (drückt eine Einräumung aus): „Amicis me monentibus hoc iter suscepi.“ - "Obwohl/Trotzdem die Freunde mich ermahnt haben, habe ich diesen Weg genommen." (Gleichzeitigkeit)
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